13.06.2026, 11:22 Uhr Lesedauer: 5 Min.
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Er habe die Verbindung gesehen, sie sei allerdings künstlich, kommentierte der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Heorhij Tychij, die Flugzeugverschiebung. Man müsse das nicht politisieren. "Eine politische Komponente gibt es hier nicht, und man sollte auch nicht danach suchen", so Tychij. Doch ganz so einfach ist es nicht.
Nur wenige Tage, nachdem die ukrainische Führung feierlich die Asche des Gründers der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), Andrij Melnyk, auf dem Nationalfriedhof bestattet hatte, sorgte Selenskyj für den nächsten Skandal, der heftig am eigentlich guten Verhältnis zum polnischen Nachbarn rüttelt. Per Dekret verlieh er einer Spezialeinheit der ukrainischen Armee den Beinamen "Helden der UPA" und bezeichnete den Schritt als "Wiederherstellung historischer Traditionen".
"Der Präsident der Ukraine hat mich und alle unsere getöteten Landsleute beleidigt, indem er die Banditen der UPA ausgezeichnet hat."
Lech Walesa?Ehemaliger Präsident Polens
Ob man auf solche Traditionen stolz sein sollte? Als militärischer Flügel der OUN kämpfte die UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) nicht nur gegen die Sowjetunion. Als willige Kollaborateure der Nazis waren Mitglieder der UPA verantwortlich für schwerste Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung und - aus polnischer Sicht bedeutend - zwischen 1943 und 1945 auch an Massakern an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien, bei denen bis zu 100.000 Polen ermordet wurden. Im Jahr 2016 stufte Polen das Wolhynien-Massaker als Genozid ein.
Dementsprechend empört fielen die Reaktionen in Polen aus. Der von der rechtspopulistischen PiS (Recht und Gerechtigkeit) ins Amt gebrachte Präsident Karol Nawrocki forderte, Selenskyj sämtliche polnischen Staatsauszeichnungen zu entziehen. Präsident Selenskyj habe bewiesen, dass die Ukraine mental nicht bereit sei, Teil der Europäischen Union zu sein, sagte Nawrocki zu Journalisten. Przemys?aw Czarnek, der für die PiS im kommenden Jahr als Premierminister kandidieren könnte, sprach gegenüber der Tageszeitung "Rzeczpospolita" von einem "Ausdruck äußerster Undankbarkeit" gegenüber Polen.
Absolutes Unverständnis über die UPA-Ehrung äußerte auch der ehemalige Solidarno??-Anführer und Ex-Präsident Lech Wa??sa. "Der Präsident der Ukraine hat mich und alle unsere getöteten Landsleute beleidigt, indem er die Banditen der UPA ausgezeichnet hat. Aus diesem Grund habe ich öffentlich die ukrainische Flagge von meiner Brust genommen. Dem Volk werde ich weiterhin im Kampf gegen die Sowjets helfen. Präsident Selenskyj verweigere ich meine Unterstützung", entrüstete sich Wa??sa.
Kommentar zum Thema: "Nationalistische Dummheit" von Daniel Säwert
Mehrere Städte nahmen aus Protest ukrainische Flaggen von ihren Rathäusern ab. In einer Umfrage für die "Rzeczpospolita" gaben 52 Prozent der Befragten an, Selenskyjs Entscheidung habe die Beziehung zwischen beiden Ländern verschlechtert. Da half auch der Blitzbesuch von Selenskyjs Büroleiter Kyrylo Budanow in Warschau nichts, der versuchte, die Wogen irgendwie zu glätten.
In Polen fühlt man sich auch deshalb von der UPA-Verehrung so angegriffen, weil man sich als größter Ukraine-Unterstützer sieht und von Kiew mehr Respekt für rote Linien in historischen Fragen erwartet. Doch die Beziehungen zwischen den Ländern sind schon etwas länger belastet, auch wegen des Wolhynien-Massakers. So wird es für ukrainische Geflüchtete immer schwerer, staatliche Hilfen zu bekommen.
Und es geht ums Geld. Warschau fordere von der EU rund 450 Millionen Euro für die Waffen, die man an die Ukraine übergeben habe, meldet der Radiosender RFM. "Diese Gelder sind unsere Gelder", sagte Cezary Tomczyk, Staatssekretär im Verteidigungsministerium.
Polen könnte nicht nur weitere Waffenlieferungen behindern, sondern auch zum Stolperstein für Selenskyjs Traum von der EU-und Nato-Mitgliedschaft werden. Auch hier stecken durchaus wirtschaftliche Interessen und der Kampf um Ressourcen dahinter. Beide Länder werden nach dem Krieg Hauptkonkurrenten um EU-Investitionen sein. Angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage bedeutet das einen Kampf um immer knapper werdende Mittel.
Zudem ist die ukrainische Agrarwirtschaft ein gefährlicher Konkurrent für die polnischen Landwirte. Kiew und Warschau sind die engsten Konkurrenten um die Rolle des "führenden" osteuropäischen EU-Landes. Noch ist dies eindeutig Polen. Sollte die Ukraine jedoch der EU beitreten, wird Kiew sicherlich ebenfalls versuchen, diesen Platz einzunehmen. Zukünftige Konflikte sind also vorprogrammiert. Mit der Heroisierung von Nazi-Kollaborateuren und Kriegsverbrechern hat Selenskyj sein Land dabei in eine schlechte Ausgangsposition gebracht.
Ein Kommentar.
Daniel Säwert
13.06.2026, 16:27 Uhr Lesedauer: 3 Min.
Foto: AFP/ OLEKSANDR GIMANOV
Wolodymyr Selenskyj hat einen Lauf. Pünktlich zur Entscheidung der Europäischen Union, offiziell Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine und Moldau einzuleiten, beweist der ukrainische Präsident, dass sein Land noch weit entfernt ist von europäischen Werten.
Nachdem Selenskyj Ende Mai einen Ultranationalisten und Nazi-Kollaborateur mit allen Ehren bestatten ließ und einer Armeeeinheit den Ehrentitel einer Judenschlächtertruppe aus dem Zweiten Weltkrieg verlieh, legte der ukrainische Präsident gleich die nächste nationalistische Dummheit nach.
Am Freitag unterzeichnete Selenskyj einen Erlass, der Russisch in der Ukraine aus der Charta der Regional- und Minderheitensprachen ausschließt. Angeblich diene der Schritt dem "Schutz des ukrainischen Sprachraums" und den "europäischen Verpflichtungen" der Ukraine, schrieb der Parlamentsvorsitzende Ruslan Stefantschuk auf Facebook. Die Sprache eines Aggressorstaates dürfe nicht geschützt werden, so Stefantschuk weiter.
Selenskyj und seine Regierung liefern damit nicht nur eine erneute Steilvorlage für Moskaus Propaganda, sie greifen auch direkt die eigene Bevölkerung an. Gut die Hälfte der Bevölkerung ist russischsprachig. Und glaubt man den Berichten verschiedener Ombudspersonen, erlebt das Russische eine kleine Renaissance in der Ukraine. Eine Reaktion auf den nationalistischen Kurs der Regierung oder eine Notwendigkeit, um Nachrichten lesen zu können, die nicht aus dem Kiewer Propagandaapparat stammen? Eine wissenschaftlich fundierte Erklärung gibt es weiterhin nicht. Klar ist: Die von oben ausgegebene Losung, Ukrainer sei nur, wer Ukrainisch spricht, gilt für die Menschen nicht.
Dennoch will die Regierung mit allen Mitteln das multikulturelle und multiethnische Land zu einem Nationalstaat in seinem schlimmsten Sinne umformen. Viele, vor allem diejenigen, die sich als Geflüchtete im Ausland aufhalten, dürften diesem Weg nicht folgen wollen. Wer will schon in so ein Land zurückkehren?
Kiews Idiotie in ihrem Lauf aber halten weder Ochs noch Esel auf. Und schon gar nicht Brüssel. Bisher hat sich die EU nicht zur Verletzung der Minderheitencharta geäußert. Und sie wird es öffentlich auch nicht tun. Dabei hat Budapest gerade gezeigt, dass Druck auf Kiew doch wirken kann. Ungarns neuer "Heilsbringer" Péter Magyar hatte nach seinem Wahlsieg betont, sich weiter für die Rechte der ungarischen Minderheit einzusetzen. Am Sonnabend unterzeichnete Kiew die entsprechenden Garantien.
Dass man mit dem Minderheitenschutz souverän umgehen kann, beweist zudem der andere Beitrittskandidat Moldau. Obwohl man sich von Moskau bedroht fühlt, gibt es in der Hauptstadt Chisinau an vielen Orten Aushänge und Wegweiser auf Russisch (und nicht nur), mit dem Hinweis, dass Moldau die Charta der Regional- und Minderheitensprachen achtet.