Göran Schattauer
Chefreporter Focus online
Freitag, 18.09.2026, 18:40
"Syrische Clans begehen Tausende Verbrechen in Leipzig." Oder "LKA warnt vor kriminellen Großfamilien: Syrischer Clan-Chef hat 32 Kinder." Oder "Kriminelle Syrer-Clans: Vor welcher Herausforderung steht Deutschland?" Schlagzeilen wie diese rüttelten Mitte August Leser in ganz Deutschland auf.
Auslöser der Medienberichte war eine exklusive Recherche von FOCUS online. Demnach geht das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen davon aus, dass allein im Raum Leipzig bis zu 1000 Personen kriminellen syrischen Familien-Clans angehören. Rund 130 von ihnen sind wegen diverser Gesetzesbrüche aktenkundig, der Rest arbeitet als Unterstützer.
Annette Riedl/dpa
Die zunehmende Gefahr durch syrische Zuwanderer wird auch im gerade veröffentlichten Bundeslagebild "Organisierte Kriminalität 2025" deutlich. Demnach stieg die Zahl syrischer Tatverdächtiger gegenüber dem Vorjahr auf 402 - ein Plus von 22,2 Prozent. 40 "OK-Gruppierungen" werden laut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) von syrischen Staatsangehörigen dominiert.
Genau vor solchen kriminellen Strukturen hatten Experten schon vor längerer Zeit eindringlich gewarnt. Angesichts der neuen Zahlen sehen sie sich bestätigt.
"Die Entwicklung ist ernst", sagte der renommierte Clan-Forscher Mahmoud Jaraba von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg jetzt zu FOCUS online. Sowohl die LKA-Erkenntnisse aus Leipzig als auch die bundesweiten Daten zur Organisierten Kriminalität seien besorgniserregend. "Wir sehen inzwischen auch außerhalb bekannter Clan-Hochburgen wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen familienbasierte kriminelle Netzwerke, vor allem im Bereich der Drogen- und Gewaltkriminalität."
Der 46 Jahre alte Politikwissenschaftler erklärte, dass die vom sächsischen LKA genannten 1000 syrischen Migranten für den Raum Leipzig nicht allesamt Straftäter seien, sondern ein größeres familiäres und soziales Umfeld, das um die Täter herum existiert.
"Problematisch wird es vor allem dann, wenn Teile dieses größeren Umfelds mobilisiert oder rekrutiert werden", so Jaraba. Das geschehe nicht immer für klassische Organisierte Kriminalität. "Es kann auch bei gewaltsamen Auseinandersetzungen, internen Konflikten oder Streitigkeiten zwischen Gruppen eine Rolle spielen."
Der Clan-Forscher stellt klar: "Leipzig ist kein Einzelfall. Ähnliche Entwicklungen sehen wir sehr deutlich auch in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und weiteren Regionen Deutschlands." Entstanden seien die kriminellen Strukturen syrischer Familienclans "vor allem nach 2015", und zwar nicht über Nacht, sondern über Jahre.
"Ein wichtiger Punkt ist die räumliche Konzentration. Bestimmte Familien und verwandtschaftliche Netzwerke siedeln sich in einzelnen Stadtteilen oder Städten an oder ziehen gezielt dorthin, wo bereits Angehörige leben", so Mahmoud Jaraba. "Dadurch können sich größere soziale und familiäre Strukturen relativ schnell verdichten."
FAU/Boris Mijat
Hinzu komme, dass diese Netzwerke ständig weiterwachsen. "Etwa durch Heiraten innerhalb verwandter oder eng verbundener Familien, durch regulären Familiennachzug und in einzelnen Fällen auch durch irreguläre Migration oder Schleusung."
Das Fatale in Deutschland sei, "dass wir solche Entwicklungen häufig erst ernst nehmen, wenn Gewalt, größere Drogenverfahren oder andere schwere Straftaten sichtbar werden. Dann sind die Netzwerke oft schon gewachsen und sozial verankert", konstatiert der Experte. Das jahrzehntelange Wegschauen der Politik sei "ein großer Fehler" gewesen.
"Deshalb müssen wir viel früher reagieren - bei Schule, Jugendhilfe und Prävention, aber gleichzeitig auch mit Polizei, Finanzermittlungen und konsequenter Strafverfolgung", so der Wissenschaftler.
Konkret zu den Entwicklungen in Leipzig sagte Jaraba, die 2020 beim LKA Sachsen gegründete "Task Force Clan" sei "wichtig" gewesen, wenngleich sie "relativ spät" kam. "Viele Strukturen hatten sich bereits entwickelt. Außerdem kann ein Bundesland dieses Problem nicht allein lösen. Kriminelle Netzwerke halten sich nicht an Landesgrenzen. Personen leben in Leipzig, haben Kontakte nach Halle, Brandenburg, Berlin, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen und teilweise ins Ausland."
Aus diesem Grund brauche es "eine viel stärkere Koordination zwischen den Landeskriminalämtern, dem BKA, Ausländerbehörden, Finanzbehörden und Kommunen". Jaraba: "Es reicht nicht, einen einzelnen Täter festzunehmen. Man muss das gesamte kriminelle Netzwerk unter Druck setzen - Geld, Geschäfte, Immobilien, Fahrzeuge und logistische Strukturen."
Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
Der Politikwissenschaftler mahnt einen stärkeren länderübergreifenden Informationsaustausch an und "eine gemeinsame Strategie, bevor sich solche Strukturen dauerhaft verfestigen". Zwar sehe er heute bei Polizei und Justiz "deutlich mehr Aktivität" als noch vor einigen Jahren. "Aber wir müssen konsequenter werden."
Deutschland sei in dieser Hinsicht noch viel zu milde und nachsichtig, so der Forscher. "Mein Eindruck aus vielen Gesprächen ist, dass manche Täter in anderen Staaten, etwa in der Türkei oder in Golfstaaten, sehr genau überlegen, bevor sie Straftaten begehen, weil sie mit schnellen und spürbaren Konsequenzen rechnen."