Thomas Brockmeier
26.01.2026, 06:21 Uhr
Imago/dts Nachrichtenagentur
Ich hätte gern mehr Energie. Nicht nur als Neujahrsvorsatz!
Der Neujahrsempfang der Wirtschaft in Halle (Saale) ist gut besucht. Rund 800 Gäste, viele Unternehmerinnen und Unternehmer. Der Bundeskanzler hält die Festrede. Zuvor spricht der scheidende Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ein launiges Grußwort: "Sachsen-Anhalt ist energieautark. Wir sind führend bei den Erneuerbaren und haben zum Glück auch noch ein Kohlekraftwerk. Selbst bei Dunkelflaute können wir uns selbst versorgen - und ein anderes Bundesland im Süden gleich mit." Heiterkeit und Applaus.
Friedrich Merz (CDU) nimmt den Ball auf und betont: "Wir brauchen dringend mehr eigene Versorgungskapazität."
Kontrastprogramm am Morgen desselben Tages in der Uni Leipzig; ich betrachte Aufkleber auf einer Toilettentür. "Atomkraft nein danke!" Ein anderer: "Coal, oil and gas can kiss my ass." Aha. Woher bitte sollen dann Strom und Wärme kommen? Ausschließlich von Wind und Sonne? Ohne ausreichend Speicher?
Dass das nicht funktioniert, erleben wir gerade: Die Bundesnetzagentur zwingt die Betreiber von Kohlekraftwerken, Blöcke am Netz zu lassen, die laut Kohleausstiegsplan bereits raus sein sollten. Denn die Kraftwerke sind "systemrelevant", weil andere Quellen bislang nicht ausreichen. Wer gleichzeitig auf Atomkraft und fossile Energieträger verzichtet, trifft die Achillesferse unseres eigentlich hoch entwickelten Industrielandes - und das mit voller Wucht.
IHK Halle
Zum Autor
Prof. Dr. Thomas Brockmeier (geb. 1965 in Wesel, Nordrhein-Westfalen) ist seit 2011 Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau. Zudem lehrt er seit 2004 Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Was das konkret heißt, zeigt der Blick in den industriellen Alltag: "Versorgungssicherheit" bedeutet, dass an den meisten der 8760 Stunden im Jahr der Strom nicht nur überhaupt fließt, sondern dass er richtig fließt. Wenn etwa in einem Aluminiumwerk oder in einer Kautschukfabrik die Stromversorgung oder Spannung nur für Sekundenbruchteile außerhalb der Toleranzzone schwankt, wird es duster. Es heißt ja nicht zufällig Kraftwerk: Ohne eine bestimmte Kraft - physikalisch hier Schwungmasse - lässt sich ein Stromnetz nicht stabil halten. Die hohen Redispatchkosten der Netzbetreiber sprechen Bände, immer öfter muss regulierend eingegriffen werden.
Die "Energiewende" ist teuer und nicht ohne Risiko. Noch ist Deutschland ein Industrieland. Nicht zuletzt deshalb ist es ein noch immer reiches Land. Eines, in dem die meisten Menschen wirtschaftlich deutlich bessergestellt sind als die große Mehrheit der Weltbevölkerung. Gewiss, die Industrie befindet sich mitten in der "Transformation". Denn gesetzlich gilt, dass wir bis 2045 "klimaneutral" sein müssen. Aber dann doch bitte so, dass auf dem Weg dorthin noch etwas zum Transformieren übrig bleibt! Das klingt alarmistisch? Soll es auch!
Denn die Deindustrialisierung schreitet voran. Sie ist kein Schreckgespenst mehr, sondern längst Realität. Nicht zuletzt in Ostdeutschland, zumal in der mitteldeutschen Kernregion, im sogenannten Chemiedreieck, dem industriellen Ballungsraum um Halle, Bitterfeld-Wolfen und Leuna/Merseburg. Unübersehbar ist: Die Wettbewerbsfähigkeit gerade der ostdeutschen Industrie leidet.
Und das hat, so ehrlich muss man sein, eben auch mit den sehr hohen Energie- und Strompreisen zu tun. 2004 versprach der grüne Umweltminister Jürgen Trittin, die Energiewende werde einen deutschen Durchschnittshaushalt im Monat nicht mehr als eine Kugel Eis kosten. Nun ja - mittlerweile könnte manch eine Familie wohl selbst einen Eiswagen betreiben.
Preistreiber waren neben der EEG-Umlage die Netzentgelte und immer weitere netzbezogene Abgaben. Die deutschen Strompreise sind mit die höchsten in Europa. In den USA ist der Strompreis nicht mal halb so hoch, der Gaspreis beträgt ein Viertel des deutschen. Drüben drückt auch das Fracking die Preise, in Deutschland ist es verboten. Und das, obwohl Befürworter der Aufhebung dieses Verbots sich seit Jahren auf die fachliche Einschätzung der zuständigen Expertenkommission berufen können. Unsere Schiefergasreserven schlummern also weiter ungenutzt vor sich hin.
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Knappheit zählt: Übersteigt die Nachfrage das Angebot, ist der Preis hoch. Und damit sind wir wieder beim Bundeskanzler in Halle: Da die Nachfrage nach Energie kaum gesenkt werden kann, muss das Angebot ausgeweitet werden. So einfach ist das. Der angekündigte Industriestrompreis hilft da wenig: Er soll nur für einen Teil der verbrauchten Strommenge gelten, zudem nur für drei Jahre, mit zusätzlichen Auflagen. Das wird keine Investitionswelle auslösen. Außerdem: Eine Subvention senkt die Kosten nicht, sondern verteilt sie nur.
Der Energiebedarf wird angesichts der Elektrifizierung bei Energie-, Verkehrs- und Wärmewende noch zunehmen. Auf dem Weg zur Klimaneutralität sind beim Strom zwar schon gut 50 Prozent geschafft, beim Verkehr aber gerade mal 8 und bei der Wärme nur 20 Prozent. Wird bei der Energiewende nicht umgesteuert, wird sie uns in den verbleibenden 20 Jahren bis 2045, so die aktuelle Frontier-Studie, rund fünf Billionen Euro kosten. Eine unvorstellbare Summe.
Und das Schlimmste: Das Weltklima weint, weil sich angesichts solcher Kosten kaum Nachahmer finden dürften. China etwa fährt eine Hybrid-Strategie: Der massive Ausbau von Erneuerbaren wird flankiert durch weitere Kohle- und Atomkraftwerke (große und kleine Reaktoren). In Finnland votieren die Grünen für eine stärkere Nutzung von Kernkraft - wegen der ökologischen Nachhaltigkeit durch CO2 Vermeidung.
Offensichtlich gibt es nicht nur eine Lösung. Das gilt insbesondere für die Klima- und Energiepolitik. Zum Nachdenken ist es nie zu früh, zum Umsteuern nie zu spät. Denn jede Transformation braucht Energie.