BILD zeigt die Aufnahmen
23.07.2026 - 12:56 Uhr
Rom - Oft bewegen sich Flüchtlingshelfer in Grenzbereichen. Diesmal könnten sie darüber hinausgegangen sein. Nach einem BILD vorliegenden Video der europäischen Grenzschutzbehörde sollen Aufnahmen auf eine mögliche Zusammenarbeit des Berliner Seenotrettungsvereins Sea-Watch mit einer Schleuser-Gruppe hindeuten. Italienische Justizbehörden ermitteln unter Hochdruck.
Am 11. Mai dokumentierte ein Flugzeug der Grenzschutzbehörde Frontex (Eagle 1) eine Rettungsaktion auf dem Mittelmeer. Experten sprechen von einem "ungewöhnlich wichtigen Beweismittel". Nach den vorliegenden Informationen wurden etwa 90 Migranten, größtenteils aus Bangladesch, von fünf Schleusern an die Besatzung von Sea-Watch übergeben. Die Schleuser sollen bewaffnet gewesen sein und Tarnanzüge sowie Sturmhauben getragen haben.
Auf den Videos ist zu sehen, wie auf See ein Schnellboot mit laufenden Motoren wartet. Zwei Festrumpfschlauchboote von Sea-Watch fahren zu dem Boot. Die Migranten steigen anschließend geordnet vom Schnellboot auf die Schlauchboote um. Nach den vorliegenden Informationen wartete die Sea-Watch 55 Seemeilen nördlich von Tripolis (Libyen) auf das Schleuserboot.
Nach der Übergabe der Migranten winkten die Schleuser und zeigten den Daumen nach oben - als Zeichen für den Abschluss des Boardings. Ein Sprecher der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex: "Ich kann bestätigen, dass ein Flugzeug von Frontex am 11. Mai in dem Gebiet im Einsatz war, was mit dem übereinstimmt, was wir bereits zuvor öffentlich erklärt haben."
Vier Tage später lief das Seenotrettungsschiff Sea-Watch 5 mit 166 Migranten an Bord den Hafen von Brindisi in Süditalien an. Nach Auswertung der Frontex-Aufnahmen leitete die dortige Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zur illegalen Einwanderung ("favoreggiamento dell'immigrazione clandestina") ein.
Beihilfe zur illegalen Einreise in erschwerter Form kann in Italien mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft werden. Beschuldigter ist nach italienischen Medienberichten der niederländische Kapitän der Sea-Watch, Anne van Dam. Dieser berichtete später: "Nach der Ausschiffung kamen etwa 20 Leute an Bord: Küstenwache, Polizei, andere Behörden. Sie wollten Logbücher und Zertifikate sehen. Sie kamen mit Durchsuchungsbeschlüssen, beschlagnahmten mehrere Logbücher und sicherten Daten an Bord. Ich durfte die Brücke stundenlang nicht verlassen."
Nach BILD-Informationen zahlen Migrationswillige aus Pakistan oder Bangladesch bis zu 15.000 Euro Schleusergeld für die Route von Dhaka nach Dortmund. Allein die Überfahrt über das Mittelmeer kostet demnach 5000 Euro pro Person. Nach den vorliegenden Informationen verdienen die Gruppen der Organisierten Kriminalität (OK) mit einer einzigen Tour vor der afrikanischen Küste damit knapp 500.000 Euro.
Eine Sprecherin des Vereins sagt: "Die veröffentlichten Aufnahmen zeigen lediglich einen selektiven Ausschnitt." Sie fährt fort: "Das Rettungsteam fand ein doppelstöckiges Boot mit 90 Personen an Bord vor. Zwei Personen waren bewusstlos, mehrere stark geschwächt." Der Verein behauptet: "Es besteht weder ein Verhältnis noch irgendeine Form der Kommunikation oder Verabredung. Unser Rettungsteam war außerdem mit vermummten Männern konfrontiert."