08.07.2026, 13:47 Uhr 4 Min
© Wolfgang Maria Weber/imago
Die Bundesregierung will erstmals eine dauerhafte strategische Gasreserve aufbauen, um Deutschland gegen schwere Importausfälle, Sabotage oder andere außergewöhnliche Versorgungskrisen abzusichern. Anders als zunächst offen war, soll die Reserve jedoch nicht aus Steuermitteln, sondern über eine Umlage auf die Gaskunden finanziert werden. Die Berliner Zeitung hatte bereits am Dienstag über die Pläne berichtet.
Nun erklärt das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) unter Katherina Reiche (CDU) erstmals ausführlich, warum sich die Bundesregierung gegen eine Finanzierung aus dem Bundeshaushalt entschieden hat. Ausschlaggebend sei ausdrücklich die "haushaltspolitische Lage".
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Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilte das Ministerium mit, die strategische Gasreserve werde deshalb nicht aus Steuergeldern finanziert. Stattdessen erfolge die Finanzierung "verursachungsgerecht" über eine Umlage auf die Gaskunden. Die Belastung falle nach derzeitiger Schätzung jedoch vergleichsweise gering aus und solle lediglich rund zehn Prozent der Ende 2025 abgeschafften Gasspeicherumlage betragen.
Das entspreche 0,29 bis 0,36 Euro je Megawattstunde statt zuletzt 2,89 Euro. Nach Informationen von Reuters werden die Kosten für Aufbau und Erstbefüllung der Gasreserve auf 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro geschätzt. Hinzu kommen laut Reuters jährliche Betriebskosten von 150 bis 180 Millionen Euro.
Die strategische Gasreserve soll rund 24 Terawattstunden (TWh) Erdgas speichern. Das entspricht knapp zehn Prozent der deutschen Gasspeicherkapazität. Über ihren Einsatz entscheidet im Ernstfall der Bundeslastverteiler bei der Bundesnetzagentur.
Nach Angaben des Ministeriums wurde die Vorlage innerhalb der Bundesregierung bereits grundsätzlich besprochen. Eine Befassung des Bundeskabinetts solle nun zeitnah erfolgen. Reuters hatte zuvor unter Berufung auf einen Insider über einen möglichen Kabinettsbeschluss Mitte August berichtet. Offen bleibt auch, in welchen Gasspeichern die strategische Reserve vorgehalten werden soll.
Um zusätzliche Preiswirkungen möglichst gering zu halten, soll das Gas über zwei bis drei Jahre beschafft werden. Erste Speicherbuchungen sind bereits für den Winter 2026/27 vorgesehen, die eigentliche Befüllung soll im Sommer 2027 beginnen.
Bemerkenswert ist auch die grundsätzliche Begründung für den staatlichen Eingriff. Nach Darstellung des Ministeriums könne "der Markt allein Extremrisiken dieser Art nicht absichern". Die Wintervorsorge bleibe zwar Aufgabe von Händlern und Lieferanten. Die strategische Gasreserve solle diese marktwirtschaftliche Vorsorge jedoch ausschließlich in außergewöhnlichen geopolitischen Krisen ergänzen und sei deshalb strikt vom Markt getrennt.
Nach Darstellung des Ministeriums ist die aktuelle Versorgungslage ausdrücklich nicht der Grund für den Aufbau der Reserve. Die Speicher füllten sich planmäßig und die Wintervorsorge funktioniere derzeit. Die strategische Gasreserve solle vielmehr außergewöhnliche geopolitische Krisen absichern.
Tatsächlich waren die Gasspeicher zuletzt am 7. Juli laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE/AGSI) zu 43,65 Prozent gefüllt. Damit liegen die Füllstände jedoch deutlich unter dem Niveau der vergangenen Jahre für diese Zeit. Früher lagen die Speicher Anfang Juli meist bereits weit über der 50- und teils sogar über der 70-Prozent-Marke.
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Gerade bei der Finanzierung gibt es jedoch unterschiedliche Bewertungen. Der Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (INES), Sebastian Heinermann, erklärte dazu, eine Finanzierung aus dem Bundeshaushalt wäre angesichts der staatlichen Aufgabe grundsätzlich "folgerichtig". Die strategische Gasreserve gehe über das normale Marktgeschehen hinaus und sei Teil der staatlichen Daseinsvorsorge. Zugleich betonte Heinermann, er fordere damit keine Finanzierung aus Steuermitteln. Seine Aussage beziehe sich auf die finanzielle Logik eines staatlichen Instruments.
Nach den Modellrechnungen von INES könnte ein Speicherfüllstand von 76 Prozent zum 1. November bei einem normalen Winter zwar ausreichen. Bei einem außergewöhnlich kalten Winter wie 2010 drohten jedoch bereits im Februar und März 2027 Versorgungslücken. Gleichzeitig steigt die EU ab 2027 komplett aus dem russischen Pipeline-Gas sowie LNG aus. Genau solche Extremrisiken soll die neue strategische Gasreserve künftig überbrücken.