Von: Lisa Mahnke
Stand: 23.05.2026, 16:26 Uhr
Kiew - In der sogenannten Todeszone im Ukraine-Krieg bestimmt die Bedrohung durch Drohnen den Alltag. Auch die Versorgung der Soldaten leidet unter der Situation an vorderster Front. Immer wieder hungern Soldaten im Ukraine-Krieg - offenbar auch bis in den Tod. Dabei wollte der ukrainische Generalstab die Situation bereits Ende April verbessert haben.
© AFP PHOTO / HANDOUT / 93RD KHOLODNYI YAR SEPARATE MECHANIZED BRIGADE OF THE UKRAINIAN GROUND FORCES / IRYNA RYBAKOVA
Einer dieser Soldaten ist Pawlo Grytsenko, der im Austausch mit dem Tagesspiegel über Telegram stand. "Wir hungern seit Dezember vergangenen Jahres", sagte er. Ende April schickte Grytsenko dem Tagesspiegel ein Foto, auf dem er mit eingefallenen Wangenknochen und langen, verfilzten Haaren zu sehen war. Fünf Tage später schrieben Angehörige des Soldaten, dass er gestorben sei.
"Mein Körper gleicht einem Skelett, das nur noch von Haut überzogen ist", schrieb Grytsenko kurz vor seinem Tod. In seinen Nachrichten war er offenbar kurz angebunden - und benötigte dennoch oft mehrere Minuten zum Antworten. Vor dem Einsatz an vorderster Front habe der Soldat nach eigenen Angaben 90 Kilogramm gewogen.
Grytsenko berichtete, wie die Soldaten an der vordersten Front im Winter Schnee für Wasser geschmolzen, und im Frühjahr Regenwasser abgefangen hätten. "Wir haben nur noch zwei kleine Flaschen Wasser und zwei Kekse für fünf Menschen", schrieb der Soldat. Grytsenko hatte dennoch gehofft, die Situation zu überstehen, hieß es in einer seiner Nachrichten.
Grytsenkos Geschichte ist offenbar kein Einzelfall. Ende April veröffentlichten Angehörige von Soldaten in den sozialen Medien mehrere Bilder von unterernährten Soldaten mit hervortretenden Knochen und fahler Haut. Die Verwandten erhoben schwere Vorwürfe gegen die Kommandoführung und sorgten in der ukrainischen Öffentlichkeit für Empörung.
Eine Verwandte kritisierte, dass einige Soldaten wohl acht Monate ohne Wechsel an der vordersten Front verharren mussten. Mutmaßlich handelte es sich bei den Männern um Soldaten der 14. separaten mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee. Wie The Guardian berichtete, konnten Nahrung und Medizin dort mehrere Monate lang nur per Drohne überbracht werden. "Die Kämpfer verlieren vor Hunger das Bewusstsein", berichtete die Tochter eines Soldaten, Ivanna Pobereschnjuk, laut The Guardian.
Auf Nachfrage vom Tagesspiegel berichtete das Ombudsbüro für das ukrainische Militär, es habe im Jahr 2026 bis April mehr als 35 Beschwerden wegen unzureichender Versorgung aus mindestens 20 Militäreinheiten erhalten. Auch das ukrainische Verteidigungsministerium gab laut dem Tagesspiegel zu, dass die Situation an der Front "ziemlich kritisch" sei. Allerdings versicherte das Ministerium auch, die Situation zu lösen.
Das Ombudsbüro gab als Grund für die Versorgungsschwierigkeiten einen "Mangel an Personal und Mitteln" an. Gleichzeitig kritisierte das Büro, die Planung der Kommandoführung sei "unzureichend" und Soldaten würden zu spät abgezogen. In einigen der Beschwerden wird aktuell ermittelt.
Kurze Zeit nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe entließ der ukrainische Generalstab Kommandeure der 14. Separaten mechanisierten Brigade und auch des 10. Armee-Korps. Sie hätten "Fehler bei der Versorgung der Soldaten begangen" und Missstände "verschleiert", hieß es in einer Erklärung. Außerdem führte die ukrainische Armee die Regel ein, dass Soldaten nicht länger als zwei Monate auf einer Position an vorderster Front verharren dürften. Es soll nun obendrein eine Vorschrift für medizinische Untersuchungen, Ruhezeiten und die rechtzeitige Lieferung von Lebensmitteln geben.
Ende April sagte Nadiya Zamryha, eine Sprecherin der 14. Separaten mechanisierten Brigade, Radio Free Europe/Radio Liberty: "Die Lage hat sich logistisch gesehen inzwischen stabilisiert, auch wenn sie nach wie vor äußerst kompliziert ist." An der vordersten Front sei die ukrainische Armee durchgehend unter Beobachtung russischer Drohnen.
Ein Sprecher des ukrainischen Generalstabs berichtete gegenüber The Guardian: "Alles wird von Drohnen erledigt. Die Russen widmen den Lieferungen von Lebensmitteln, Munition und Treibstoff höchste Aufmerksamkeit. Sie fangen so viel wie möglich ab und schießen es ab." Die Drohnenbedrohung erschwert auch die rechtzeitige Truppenrotation, wie Medienberichte zeigten. Ein günstiges Zeitfenster für die Bewegung von Truppen abzupassen, erweist sich oft als schwierig.
Dennoch hat sich das Problem offenbar nicht aufgelöst. Eine Mutter eines Soldaten, die der Tagesspiegel zur Anonymisierung Iryna Homon nennt, berichtete, dass ihr Sohn ebenfalls hungere. "Ich verstehe nicht, wie die Jungs, die unser Land verteidigen, ohne Essen bleiben können", so die Mutter. Seit mehreren Tagen habe sie keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Homon fürchte um sein Leben, sagte sie der Nachrichtenseite. Auch Fall von Grytsenko zeigt, dass der Hunger an der Front noch nicht besiegt ist.
Wie The Sunday Times unter Berufung auf ukrainische Geheimdienstinformationen berichtete, sollen russische Truppen an der vordersten Front massive Versorgungsprobleme haben. Im Winter soll es dabei angeblich auch Fälle von Kannibalismus gegeben haben. Eine anonyme Quelle aus dem ukrainischen Geheimdienst berichtete von Beweisen in mindestens fünf Fällen von Kannibalismus.
Die Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden. Laut der Sunday Times sei gerade im tiefen Winter die Versorgungslage auf russischer Seite angespannt. Die russische Botschaft in London lehnte laut der Times einen Kommentar ab und tat die Informationen als Propaganda ab. Historisch wurden Vorwürfe wie der des Kannibalismus immer wieder genutzt, um den Gegner im Krieg zu enthumanisieren.
Unabhängig davon, ob die Vorwürfe stimmen, berichteten mutmaßlich mehrere Truppen aus Russlands Armee von abgelaufenen Rationen oder dem wochenlangen Ausbleiben von Versorgungslieferungen. Laut dem früheren US-Marinekapitän und Forschungsfellow bei dem US-Think-Tank "Rand Corporation" müsse man von einer "gewissen selektiven Berichterstattung" aus der Ukraine ausgehen. "Doch die Annahme, dass die logistische Unterstützung für die russische Armee unzureichend ist, ist durchaus glaubwürdig."
Mykola Bielieskow, Berater am Nationalen Institut für Strategische Studien in Kiew, sagte dem Tagesspiegel, dass zukünftig "Fernminen und Roboterplattformen mit Maschinengewehren und Granatwerfern" statt Soldaten in der sogenannten Todeszone genutzt werden könnten. So könnte man den Hunger an der Front vermeiden. Erste Versuchseinsätze von Robotern zur Versorgung schwieriger Positionen und zur Evakuierung verletzter Soldaten gebe es laut The Guardian bereits jetzt. Die bisher verhungerten Soldaten bringt dies jedoch nicht zurück. (Quellen: Tagesspiegel, Radio Free Europe/Radio Liberty, The Guardian, The Sunday Times) (lismah)
Quelle: Merkur