22.08.2026, 14:24 Uhr 6 Min
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Donnerstagmorgen, 10:31 Uhr, das quadratische Herz von Oranienbaum. Hundert mal hundert Meter misst der Marktplatz, von dem die Straßen im strengen Raster hinausführen, mit Sichtachsen zum Schloss und zur Stadtkirche, einst nach niederländischem Vorbild angelegt.
An diesem Vormittag interessiert sich niemand für Barockarchitektur. Die Blicke richten sich auf einen Stand, an dem Frauen mit grauen Haaren wedelnd Spiegel-Ausgaben in die Luft halten wie Eintrittskarten vor einem Konzert. Sie warten darauf, dass ein Mann ein Magazin signiert, der von diesem jüngst als "der gefährlichste Mann Deutschlands" ausgezeichnet wurde.
Für eine AfD-Tasse legen die meisten fünf Euro in die Kasse. "Jemand hat für ein T-Shirt aber auch schon mal 100 Euro bezahlt", erinnert sich eine Wahlkämpferin. Am Rand stehen zwei Streifenwagen, drei Polizisten je Fahrzeug. Sie werden an diesem Morgen wenig zu tun haben.
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Sebastian Rößner, 34, ist aus dem Ort. Er sucht Arbeit und verfolgt das politische Tagesgeschehen ganz genau. Seit zehn Jahren, sagt er, halte er zur AfD. "Die Flüchtlingswelle war für mich ausschlaggebend." Doch was ihn an diesem Morgen umtreibt, ist konkreter.
"Es fehlen Arbeitsplätze. Ich hatte gestern ein Vorstellungsgespräch, für das ich 22 Kilometer weit mit dem Auto fahren musste." Und dann der Satz, bei dem ringsum viele nicken: "Arbeiten lohnt sich für Leute mit geringem Einkommen in Deutschland kaum. Das muss sich ändern."
Rößner gibt sich keinen Illusionen hin. "Mir ist schon klar, dass der Einfluss der AfD bei einer Regierungsübernahme begrenzt ist. Das Land ist schon vor die Wand gefahren - aber irgendwo muss man anfangen." Was ihn zu Siegmund zieht, ist weniger Programm als Person: "Siegmund ist authentisch, volksnah und sich nicht zu schade, ein Foto mit den Leuten zu machen."
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Man muss die Geschichte des Ortes kennen, um solche Sätze zu verstehen. Knapp 3.000 Menschen leben in Oranienbaum, das heute zur Stadt Oranienbaum-Wörlitz gehört. Zu DDR-Zeiten war die Gegend kleinindustriell geprägt: Holzverarbeitung, Möbelproduktion, dazu Betriebe der Lebensmittel- und Genussmittelindustrie, eine alte Tradition der Tabakverarbeitung. Wer nicht am Ort arbeitete, fuhr nach Dessau, Bitterfeld oder in den Raum Wittenberg. Dann kam die Wende, und mit ihr verschwanden die Arbeitsplätze in großer Zahl.
Politisch war Oranienbaum lange ein sicheres Pflaster für die Union. Bei der Landtagswahl 2021 holte die CDU hier 38,9 Prozent der Zweitstimmen, die AfD kam auf 24,5, weit abgeschlagen folgten Linke (8,3) und SPD (6,6). An diesem Augustmorgen 2026 wirkt das Kräfteverhältnis auf dem Marktplatz umgekehrt.
Beatrice Ihbe, Jahrgang 1978, Lagermitarbeiterin, bringt ihre Lage auf eine Formel: "Man arbeitet nur noch, um Arbeiten gehen zu können." Ein Urlaub im Jahr sei drin, gerade so, mühsam zusammengespart. Ihre Tochter zahle für die Betreuung der Enkelin 600 Euro Gebühren - im Monat.
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"In der Politik geht es nur noch um die Leute, die absahnen. Wenn wir uns dagegen zur Wehr setzen, werden wir als Nazis beschimpft." Auf den Weihnachtsmarkt traue sich kaum noch jemand, klagt sie. Von Siegmund erwartet sie trotzdem keine Wunder: "30 Jahre lang wurde alles in den Wind geschossen - das wird Ulli nicht innerhalb einer Woche ändern können." Warum sie ihm dennoch vertraut? "Siegmund denkt, was alle Bürger denken."
Ein paar Schritte weiter steht Werner Henze, Jahrgang 1949, gelernter Elektriker, im Ruhestand. "Früher war ich politisch nicht so interessiert. Dann hat sich ganz viel verändert." Er spricht von steigenden Preisen, von 1.400 Euro, die für einen Zahnriemenwechsel in der Autowerkstatt fällig werden, von einer Integration, bei der aus seiner Sicht "vieles schiefläuft".
Er denkt an Messerangriffe und Gruppenvergewaltigungen, wünscht sich "härteres Durchgreifen" und will, dass Siegmund den Medienstaatsvertrag kündigt: "Ich informiere mich kaum noch bei ARD und ZDF. Dort wird nur noch gegen die AfD gehetzt." Dass der Weg lang wird, ahnt auch er: "Es wird für ihn eine schwierige Angelegenheit, das Verlorene wiederaufzubauen."
Nicht alle, die hier stehen, sind aus Oranienbaum. Eine parteilose Kreisrätin aus Meißen - sie ist Mitte 50, möchte anonym bleiben - ist am Morgen sehr früh aufgestanden. "Wir sind mit dem Auto extra aus Sachsen gekommen, um Ulrich Siegmund nochmal alles Gute zu wünschen", sagt sie. In der Tasche: Blaues Merchandise "für unsere Freunde aus Berlin".
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Nadine Koppehel, AfD-Landtagsabgeordnete und lokale Direktkandidatin, blickt sich auf dem vollen Platz um und wundert sich, wo die Konkurrenz bleibt. "Die CDU lässt durch separate Firmen plakatieren und die SPD verschickt ihre Flyer per Post", erklärt sie. Außer dem BSW-Auftritt mit Sahra Wagenknecht in der Nachbarstadt Dessau habe sie zuletzt kaum etwas von den anderen mitbekommen. Der Umgangston im Landtag? "Linke und Grüne grüßen uns gar nicht."
Neben ihr steht Burkhardt Ratzmann, Landtagsabgeordneter, und rechnet schon mal die Koalitionen durch. "Sollte es für die CDU nicht reichen, muss sie mit den Linken kooperieren. Das wird sie zerreißen." Er glaube sogar, dass Siegmund bei der Wahl zum Ministerpräsidenten "Stimmen aus den anderen Lagern" bekommen könne. Auf das BSW setzt er nicht: "Das zeigt Thüringen: Für uns sind das Wetterfahnen."
Umgeben von drei Autos, wie in einer Wagenburg, den Stift die ganze Zeit in der Hand. "Auf welchen Namen geht das?" Müde vom Unterschreiben? "Nein, ganz im Gegenteil", sagt Ulrich Siegmund. "Das gibt einem Kraft, das gibt einem Stärke und Zuversicht." Die Erwartungen der Bürger seien "absolut realistisch". Man wisse, dass sich in Tagen nicht aufbauen lasse, was über Jahrzehnte zerstört worden sei. "Wir machen keine falschen Versprechungen", sagt er, "wir geben eine langfristige positive Vision endlich wieder für dieses Land."
Auf die mediale Debatte, dem Osten bei einem "blauen Wahlsieg" Transferleistungen zu entziehen, reagiert er selbstbewusst. Solche Gedankenspiele zeigten nur, "dass man mit der Demokratie wenig am Hut hat". Man habe sich "juristisch, ideell und politisch" vorbereitet und wisse, dass es "auch nach einer erfolgreichen Wahl nicht einfach werden wird". Dann ein Satz, der klingt wie ein Versprechen und eine Ankündigung zugleich: "Wir sind ja eigentlich nur der Anfang."