04.03.2026, 10:12 Uhr
ANDREW CABALLERO-REYNOLDS/AFP" />
Zu Beginn seines Besuchs in Washington muss sich Merz eine gute halbe Stunde lang vor der Weltpresse die Tiraden des amerikanischen Präsidenten anhören. Das Format könnte den Titel "Vasallen"-Talk tragen: Der amerikanische Präsident holt sich europäische und andere, ihm ergebene Politiker ins Weiße Haus. Sie fungieren als Komparsen. Trump hält wirre Monologe, die Komparsen nicken. Die Inszenierung lebt von der inhärenten Gewaltlust Trumps gegenüber mehr oder weniger allen anderen Staatschefs der Welt.
Das Spiel gelingt, weil die Komparsen dasitzen wie die Jungfrauen mit Jack the Ripper an der nächtlichen Bar: Ein falsches Wort und das Messer blitzt auf. Ja, Jack, du bist schön. Natürlich Jack, du bist schlau. Wir vertrauen deiner Armee, Donald! Trump kann jedem eine Atombombe auf den Kopf werfen. Internationales Recht gilt für ihn nicht, nur seine eigene Moral, sagte Trump neulich der New York Times.
Merz, der zu Hause eben noch Trump nachgeäfft hat bei einer politischen Gaudi, ist devot und dankbar, weil er weiß: Er wird ohnehin nicht zu Wort kommen. Trump the Ripper will nur sich selbst hören, denn Trump ist überzeugt: Er ist der intelligenteste Politiker der Welt, alle anderen sind "low IQ people".
Das Format "Donald Trump kanzelt seine Feinde ab und ich darf daneben sitzen" zieht im Fall des Bundeskanzlers seinen Reiz aus der professionellen Asymmetrie. Bundeskanzler Friedrich Merz ist, anders als Donald Trump, kein echter Schauspieler. Er wirkte auf der Bühne des goldenen Oval Office wie ein Wirecard-Buchhalter, der aus der Kneipe nebenan irrtümlich in eine TV-Sendung gestolpert ist: grauer Anzug, parallele Beinhaltung, Speisereste zwischen den Zähnen.
Die Wirecard-Buchhalter konnte man vor Jahren im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss beobachten: Jasager und Schleimer, die gelernt haben, zu apportieren, was dem Chef schmeckt. Der CEO hat immer recht! Wir gehen gemeinsam unter, aber dem Chef widersprechen geht gar nicht. Er zahlt mein Gehalt und also kusche ich. Am Ende des Gesprächs sind die Speisereste weg, kunstvoll entfernt mit kontrollierten Zungenbewegungen.
Fast schon logisch ist die Einigkeit im Hinblick auf den Iran: Trump spricht von "kranken Leuten, Verrückten, Killern". Es gibt eine feine Nuance: Merz weicht zurück und sagt, man werde sich auf den Tag danach vorbereiten, wenn das "Terror-Regime" von den USA und Israel weggefegt sei. Über den Tag davor spricht Trump: "Deutschland ist großartig, sie lassen uns ohne Probleme landen" - und wohl vieles mehr, was niemand so genau wissen soll.
Trump dreht sich ohnehin die Wirklichkeit zurecht, ignoriert lustvoll seine Widersprüche: Der Supreme Court habe in der Zoll-Frage eine verheerende Fehlentscheidung getroffen, aber nach einigem Nachdenken ist Trump zu der Überzeugung gekommen: Die Niederlage war ein Sieg! Das Oberste Gericht habe ihm unfreiwillig bestätigt, dass er, Trump, machen könne, was er wolle. Er könnte alle Geschäfte mit Spanien, das ihn nicht im Krieg gegen den Iran unterstützt, morgen - "nein, besser heute!"- sofort beenden - "ohne den Kongress". Die Spanier haben schon bei der Nato-Fünf-Prozent-Regel nicht mitgezogen - die müssen wir bestrafen! Nicht wahr, Herr Kanzler? Merz lächelt, nickt und sagt, man müsse die Spanier überzeugen, dass sie den Vorgaben Folge leisten - dem Chef nicht gehorchen geht gar nicht.
Ganz düster wird Trump bei seinen Attacken gegen Keir Starmer, den britischen Premier und Merz-Flüsterer in Sachen Russland-Krieg. Großbritannien ist noch schlimmer als Spanien, lamentiert Trump; weit entfernt von Winston Churchill - und das in "seinem" Großbritannien, dem Land seiner Mutter und seiner Golf-Kurse. Merz schaut auf den Boden, ein leichtes Zucken unter der Brille. Auf die Idee, aufzustehen und zu sagen: Ich will das nicht hören, Keir ist mein Freund, sag ihm das selber!, kommt Merz nicht. Anders als Trump weiß er nicht, wo die Grenze zwischen Scherz und blutigem Ernst verläuft. Er weiß nicht, wo das Schauspiel endet und die Realität beginnt. Trump sagt zu seinen Zoll-Experten: Wir sollten die Deutschen sehr, sehr hart treffen! Er grinst, dreht sich wieder um und schlägt Merz auf das Knie. Merz lacht, murmelt etwas Unverständliches und schaut auf den Boden. Der Augenblick erinnert an Olaf Scholz neben Joe Biden, als dieser ankündigte, man werde die Nord-Stream-Pipeline zerstören.
Was hat sich geändert im transatlantischen Talk-Format? Trump ist der bessere Schauspieler als Biden. Gründgens hätte seine Freude an ihm, etwa als Mephisto. Merz und Scholz könnten beide bei Wirecard anfangen. Jan Marsalek hätte seine Freude an ihren Sprechblasen, Verrenkungen und Phrasen. Account-Manager der ewigen Illusion, bis das Ding in die Luft geflogen ist, die Beute verschwunden und die Täter vom Erdboden verschluckt. Vorhang, kein Applaus.