Von Felix Keßler
11.05.2026, 19.02 Uhr
Foto: Valentyn Ogirenko / REUTERS
An den Energiereserven wäre die Attacke wohl nicht gescheitert. Noch lange, nachdem die Fischerbrüder Dimitris und Panagiotis Zogos die rund sechs Meter lange, militärisch dunkel lackierte Seedrohne am frühen Donnerstagmorgen von der Felsküste der griechischen Insel Lefkada in einen nahe gelegenen Hafen geschleppt hatten, lief deren Antrieb weiter. Fest am Kai vertäut, sprudelte das mysteriöse Kriegsgerät zwar noch das Wasser auf, bewegte sich aber nirgendwo mehr hin.
Sprudeln tun seitdem auch die griechischen Medien mit Theorien darüber, wie sich eine Kamikazedrohne kurz vor dem Start der touristischen Hauptsaison an die Küste der beliebten Urlaubsinsel im Ionischen Meer verirren konnte. Wer sie womöglich aus der Ferne steuerte. Und mit welchem Ziel.
Zumindest die Herkunft des unbemannten Bootes scheint unstrittig: Übereinstimmenden Berichten zufolge handelt es sich um ein Modell aus der Magura-Reihe, wie es in der Ukraine produziert wird. Auch Videoaufnahmen, die Passanten im Hafen des Örtchens Vasiliki von der Drohne machten, deuten darauf hin.
Darauf zu erkennen ist etwa ein drehbarer Kameraturm auf dem kleinen Deck sowie zahlreiche Inspektionsluken.
Einem Fachportal zufolge kann die Magura V5:
Darüber, ob und wie viel Sprengstoff die Drohne an Bord hatte, gab es zuletzt widersprüchliche Berichte. Hieß es anfangs noch, die Drohne sei lediglich mit Zündern, nicht aber mit einer Ladung bestückt gewesen, berichtete unter anderem der öffentlich-rechtliche Sender ERT nun von bis zu 100 Kilogramm Sprengstoff, die sich an Bord befunden haben sollen.
Dieser soll demnach nach der Übernahme der Drohne durch griechische Spezialkräfte und Entschärfung der Zünder auf See kontrolliert zur Detonation gebracht worden sein. Dass die Drohne zuvor nicht explodierte, sei womöglich darauf zurückzuführen, dass mehrere der Kontaktzünder am Bug beschädigt gewesen seien.
Inzwischen wurde die Drohne ans griechische Festland gebracht. Fachleute der Armee versuchen jetzt herauszufinden, von wo sie in griechische Gewässer aufbrach. Und wer sie bis zum offenkundigen Kontrollverlust vor Lefkada steuerte.
Griechenlands Verteidigungsminister Nikos Dendias versuchte den schwerwiegenden Sicherheitsvorfall am Samstag herunterzuspielen. Man wisse derweil, worum es sich bei der Drohne handle und mehr oder weniger auch, was sie enthalten habe, sagte Dendias. Doch statt weitere Details zu nennen, verwies er darauf, dass auch Griechenland seine Marine im Rahmen aktueller Rüstungsprogramme mit den fortschrittlichsten Drohnen und Anti-Drohnen-Systemen ausstatten werde.
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Der Opposition reicht das nicht aus. Der verteidigungspolitische Sprecher der größten Oppositionspartei Pasok, Michalis Katrinis, forderte, die Regierung von Premierminister Kyriakos Mitsotakis müsse die Bevölkerung umgehend darüber aufklären, wie sich die Kamikazedrohne ungestört in den Gewässern um Lefkada habe bewegen können. Ein Land, das von mit Sprengstoff beladenen Drohnen aus dem Ausland überrascht werde, laufe Gefahr, sich in einen Kriegsschauplatz zu verwandeln, warnte Katrinis.
Spekulationen über Startpunkte und mögliche Ziele der Drohne gibt es derweil reichlich. So brachte unter anderem die Zeitung "Kathimerini " die Drohne mit einer möglichen ukrainischen Geheimdienstoperation im Mittelmeer in Verbindung. Demnach könnte die Kamikazedrohne ursprünglich dazu gedacht gewesen sein, ein Schiff der russischen Schattenflotte zu treffen. Schlechtes Wetter oder ein technischer Defekt könnten die Drohne dann vom Kurs abgebracht haben.
Ein mutmaßliches Vorbild dafür gäbe es: Anfang März hatte es bereits auf der "Arctic Metagaz" vor der libyschen Küste zwei schwere Explosionen gegeben. Der 277 Meter lange russische Flüssiggastanker wurde dabei weitgehend zerstört, die dreißig Seeleute an Bord konnten sich retten, zwei wurden verletzt. Russland machte damals einen ukrainischen Angriff mit unbemannten Wasserfahrzeugen für die Havarie verantwortlich.
Auch Luftaufnahmen eines ukrainischen Aktivisten legten eine schwere Beschädigung am Rumpf des Schiffes nahe. Kyjiw kommentierte den Vorfall nicht. Nach dem Scheitern mehrerer Abschleppversuche treibt die "Arctic Metagaz" offenbar noch immer als Geisterschiff durch das Mittelmeer.
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Laut "Kathimerini" könnte ein Ziel der vor Lefkada entdeckten Drohne nun ein russischer Schiffskonvoi gewesen sein. Mindestens eines der russischen Schiffe, der Öltanker "General Skoblev", soll dabei zuletzt wiederholt sogenanntes AIS-Spoofing betrieben haben. Dabei werden die Angaben des eigenen automatischen Identifizierungssystems (AIS) bewusst manipuliert, um Dritte etwa über die eigene Position, Geschwindigkeit und Kurs zu täuschen.
Die Zeitung "Ta Nea " berichtet derweil, neben Libyen sei auch die Gegend um die albanische Hafenstadt Vlora als möglicher Startort ins Visier der griechischen Ermittler geraten. Von dort wären es nur etwa 250 Kilometer bis nach Lefkada.
Die ukrainische Armee hat sich zum Fund der Drohne bislang nicht geäußert.