06.05.2026, 06:09 Uhr 5 Min
© Ukraine Presidency/imago
Unter dem Namen "Midas"-Affäre etikettiert, deuteten die Aufnahmen auf ein System der Abzweigung von rund 100 Millionen US-Dollar beim Energieunternehmen Energoatom hin. Die Folgen waren schnell, aber selektiv: einige Festnahmen, einige Fluchten - darunter Minditsch selbst, der sich inzwischen in Israel aufhält. Unter Druck trennte sich Selenskyj von seinem engsten Berater Andrij Jermak - lange Zeit eine Art graue Eminenz in Kiew -, dessen Ruf diesen Schlag nicht überstand.
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Doch das Ganze wirkte nie abgeschlossen. Ende April veröffentlichte nun die Ukrajinska Prawda weitere Aufnahmen und bestätigte damit, dass der Skandal sich weiter ausweitet.
Die Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass ein Netzwerk von Personen aus dem Umfeld des Präsidenten - darunter Minditsch, der ehemalige erste Berater Serhij Schefir, der Geschäftsmann Oleksandr Zuckerman und weitere - erheblichen Einfluss auf zentrale staatliche Entscheidungen ausübte. Ihr Einfluss soll sich auf den Energie- und Bankensektor sowie auf die Ernennung von Regierungsbeamten und Führungspositionen in Staatsunternehmen erstreckt haben.
Die beunruhigendste Enthüllung liegt jedoch noch eine Ebene tiefer. Die neuen Aufnahmen legen nahe, dass derselbe Kreis auch erheblichen Einfluss auf den ukrainischen Verteidigungssektor hatte. Genau jenen Bereich, der den Großteil der westlichen Finanzhilfen absorbiert.
Mit anderen Worten: Das neueste Kapitel der "Midas"-Affäre droht zu bestätigen, wovor Kritiker seit langem warnen - dass Teile der ukrainischen politischen Elite den Krieg selbst in ein lukratives Geschäft verwandelt haben könnten, dessen Profit nicht nur von der Höhe der westlichen Hilfe abhängt, sondern auch von der Dauer des Konflikts.
Ein großer Teil der jüngsten "Minditsch-Tapes" konzentriert sich auf Fire Point - ein Unternehmen, das heute den ukrainischen Raketen- und Drohnensektor dominiert und einen Großteil staatlicher Finanzierung erhält. Vor drei Jahren castete es noch Schauspieler und suchte Drehorte. Heute produziert Fire Point, das übrigens eine Partnerschaft mit Diehl Defence hat, Langstrecken-Kampfdrohnen für Einsätze tief im russischen Hinterland sowie Systeme wie die FP-1, FP-2 und die FP-5 "Flamingo"-Marschflugkörper.
Der Aufstieg war geradezu kometenhaft. Fire Point hat internationale Legitimität angestrebt, indem es bekannte westliche Persönlichkeiten rekrutierte, darunter Mike Pompeo, und Auslandsgeschäfte abschloss. Ob eine geplanten Raketentreibstoffanlage in Dänemark oder eben sogenannte Technologiepartnerschaften mit deutschen Rüstungsriesen. Interesse aus Golfstaaten unterstreicht den schnellen Aufstieg zusätzlich.
Die Aufnahmen deuten jedoch darauf hin, dass dieser Erfolg weniger auf Innovationskraft als auf Einfluss zurückzuführen sein könnte. Die Tapes legen nahe, dass Fire Point privilegierten Zugang durch Verbindungen zum inneren Kreis Selenskyjs hatte. In aufgezeichneten Gesprächen scheint Minditsch - obwohl er jede formelle Rolle bestreitet - als Nutznießer aufzutreten, indem er den damaligen Verteidigungsminister Rustem Umjerow für höhere staatliche Mittel für Raketen- und Drohnenproduktion lobbyiert und einen Verkauf von 33 Prozent der Anteile für 600 Millionen Dollar an Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten diskutiert.
Die Implikation ist schwer zu übersehen. Ein enger Vertrauter des Präsidenten - ohne offizielles Amt und nicht formell als Eigentümer geführt - scheint in privaten Gesprächen Einfluss auf Entscheidungen auf höchster Ebene im ukrainischen Verteidigungsapparat genommen zu haben. Entscheidungen, die bemerkenswerterweise mit einem Verteidigungsbudget verbunden sind, das stark durch westliche Steuerzahler finanziert wird.
Wenn dies zutrifft, handelt es sich nicht nur um eine Erfolgsgeschichte eines Unternehmens. Es ist ein Fallbeispiel dafür, wie Nähe zur Macht die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und privatem Gewinn verwischen kann - insbesondere in einem Land im Krieg.
Die Authentizität der neuen "Minditsch-Tapes" wurde vom Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine bislang nicht bestätigt. Fire-Point-Mitgründer Denys Shtilerman bezeichnet die Aufzeichnungen als "Informationsangriff". Antikorruptionsbehörden schweigen. Auch Präsident Selenskyj äußert sich bisher nicht.
Doch dieses Schweigen wird zunehmend unhaltbar.
Die Enthüllungen reichen über die Innenpolitik hinaus in den ukrainischen Verteidigungssektor - den Hauptempfänger westlicher Hilfe. Der Druck steigt. Oppositionsstimmen fordern zunehmend entschlossenes Handeln. Selbst innerhalb von Selenskyjs eigener Partei zeigen sich Risse. Der Abgeordnete Fedir Wenislawskyj hat die Entlassung von Umjerow gefordert, während der Öffentliche Antikorruptionsrat des Verteidigungsministeriums ihm möglichen Machtmissbrauch vorwirft und die Verstaatlichung von Fire Point verlangt.
Doch der Fokus allein auf Umjerow greift zu kurz.
Das tiefere Problem ist systemische Korruption im ukrainischen Verteidigungssektor, die im Krieg nicht zurückgegangen, sondern durch den Zustrom westlicher Gelder möglicherweise sogar verstärkt worden ist. Selenskyj, der einst mit dem Versprechen antrat, das System zu brechen, scheint es stattdessen neu geformt zu haben: ein paralleles Netzwerk, in dem Nähe zur Macht statt öffentlicher Kontrolle darüber entscheidet, wer profitiert.