Göran Schattauer, Chefreporter Focus online
Sonntag, 26.04.2026, 07:43
Vergewaltigungen, Messermorde, Clan-Verbrechen: Nach fast jeder Gewaltstraftat durch Zuwanderer wiegeln Politiker aus dem linksgrünen Lager ab. Die schrecklichen Taten seien bedauerliche "Einzelfälle", erklären sie stets - und warnen vor einem "Generalverdacht" gegen Asylbewerber und Ausländer.
Erst Anfang dieser Woche meldete sich Irene Mihalic zu Wort. Noch vor Veröffentlichung der polizeilichen Kriminalstatistik für 2025 mahnte die Grünen-Politikerin, "pauschale Schuldzuweisungen" gegenüber Migranten seien fehl am Platz. Allerdings zeigen die Zahlen: Nichtdeutsche Tatverdächtige sind in der Bilanz deutlich überrepräsentiert, insbesondere bei Gewaltdelikten.
Wer die Rolle migrantischer Kriminalität in Deutschland thematisiert und auf die gravierenden Probleme hinweist, werde schnell in die rechte Ecke gestellt, kritisieren nun zwei renommierte Strafrechts-Professorinnen. Das sei ihrer Ansicht nach fatal.
In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) plädieren Elisa Hoven von der Universität Leipzig und Frauke Rostalski von der Universität zu Köln für eine öffentliche Debatte, die sich an Fakten orientiert und nicht von politischen Haltungen geprägt ist. Die beiden kritisieren einen "seit Jahren fehlgeleiteten Diskurs über Migration und Kriminalität" in Deutschland.
"Bereits der Hinweis auf die deutlich höhere Kriminalitätsbelastung von Migranten gilt vielen als gefährlich'", stellen die Top-Juristinnen fest. "An die Stelle einer sachlichen Erklärung von Befunden tritt ihre falsche Relativierung."
Die Autorinnen warnen vor einer "Bagatellisierung von Ausländerkriminalität" und verweisen auf die neuesten Statistiken.
Obwohl der Ausländeranteil in Deutschland nur bei etwa 16,9 Prozent liegt, betrug der Anteil nicht-deutscher Tatverdächtiger im vergangenen Jahr knapp 43 Prozent. Damit, so Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bei der Vorstellung der Kriminalstatistik, seien Ausländer "deutlich überrepräsentiert".
Die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl - also Tatverdächtige je 100.000 Einwohner - verdeutlicht den Unterschied: Bei ausländischen Tatverdächtigen lag die Zahl bei 4788 - und damit 2,6-mal höher als bei deutschen Tatverdächtigen (1813). Im Bereich der Gewaltkriminalität fällt die Differenz noch größer aus. Der Wert für ausländische Tatverdächtige beträgt 628, jener für deutsche 158 - ein Verhältnis von etwa 4 : 1.
Uwe Anspach/dpa
"Wir meinen: Die Debatte über den Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität muss sich von simplen moralischen Mustern lösen und stattdessen Daten ernst nehmen, sie richtig einordnen und nach konstruktiven Lösungen suchen." Denn ein ehrlicher Umgang mit Taten und Zahlen sei "letztlich die bessere Strategie gegen Populismus und Fremdenfeindlichkeit".
Als Beispiel nennen die Universitätsprofessorinnen das Thema Sexualstraftaten. 2025 hat die Polizei so viele Vergewaltigungen, schwere sexuelle Übergriffe und Fälle von sexueller Nötigung erfasst wie seit Jahren nicht; seit 2018 ist die Zahl der Vergewaltigungen insgesamt um knapp 72 Prozent gestiegen.
Wenn man es ernst meine mit dem Schutz von Frauen vor Gewalt, müsse man sämtliche Ursachen und Erscheinungsformen in den Blick nehmen: "Die Vergewaltigung durch den deutschen Ehemann ebenso wie die Gruppenvergewaltigung oder den Ehrenmord durch Täter mit Migrationshintergrund", so die Expertinnen.
Sie schreiben: "Wer aus seinem heimischen Lebenskontext herausgerissen wird, traumatische Erfahrungen macht, in einem fremden Land ganz von vorne anfangen muss, ohne die Sprache zu sprechen und mit eingeschränkten Möglichkeiten, zu arbeiten, wer in schwierigen Wohnverhältnissen wie in Flüchtlingsunterkünften leben muss - der weist ein höheres persönliches Risiko auf, gegen Recht zu verstoßen."
Tobias Junghanns/dpa
Ähnliches lasse sich für bestimmte soziokulturelle Hintergründe und damit die Herkunft sagen. "In anderen Teilen der Welt herrschen mitunter erhebliche Missstände, was den Umgang mit Frauen angeht. Archaische Männlichkeitsbilder können ebenso dazugehören wie mangelnder Zugang zu Bildung." Selbstverständlich seien dies alles "kriminogene Faktoren", so die Autorinnen. "Zu glauben, dass sich solche Prägungen mit Grenzübertritt stets und ausnahmslos in Luft auflösen, wäre mehr als naiv."
Den Kritikern insbesondere im linksgrünen Spektrum, die Kriminalstatistiken immer wieder schönreden, entgegnen die Frauen in der FAZ: Es sei richtig, dass ein gewisser Anteil an Straftaten nicht angezeigt werde und damit im Dunkelfeld verbleibe. Und tatsächlich gebe es rassistisch verzerrte Anzeigepraktiken, gerade bei Bagatelldelikten.
"Aber unter dem Strich: Die massiv höhere Kriminalitätsbelastung von bestimmten Bevölkerungsgruppen erklären sie natürlich nicht - die Tatverdächtigenbelastungszahl für Gewaltkriminalität liegt bundesweit bei Deutschen bei 163, bei Ukrainern beträgt sie 443, bei Syrern 1740 und bei Marokkanern 1885."
Das in der öffentlichen Debatte immer wieder auftauchende Argument, die zunehmende Gewaltkriminalität liege auch an der Armut der Täter, lassen Elisa Hoven und Frauke Rostalski nicht gelten. Natürlich sei Armut auch in Deutschland ein Faktor für Kriminalität. "Aber das ideologische Hütchenspiel ist ein schlechter Trick: Man kann nicht einfach Migration als Faktor für steigende Gewaltkriminalität aus dem Spiel nehmen, indem man auf andere Kriminalitätsfaktoren verweist."