Jean-Luc Mélenchon "Deutschland kann sich Arroganz nicht mehr erlauben"

Von Martina Meister
Korrespondentin in Paris

Stand: 13.06.2026 05:03 Uhr Lesedauer: 7 Minuten

Nur dem Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon werden bei der Präsidentschaftswahl 2027 in Frankreich Chancen gegen Le Pens Rechtsnationale zugeschrieben. Er setze auf Spaltung, sagt er im Interview - und verliert bei einer Frage die Nerven.

Jean-Luc Mélenchon in seinem Büro in Paris
Quelle: Stephanie Fuessenich/WELT

Für Frankreichs Linke ist er der stärkste Kandidat, und er ist bislang der einzige, der Massen mobilisieren kann: Der Ex-Trotzkist und Ex-Sozialist Jean-Luc Mélenchon zieht zum vierten Mal für seine Partei "Das Unbeugsame Frankreich" (La France Insoumise) in den Präsidentschaftswahlkampf.

Beim zweistündigen Interview in der Pariser Parteizentrale verliert er nur einmal die Nerven - als es um Antisemitismusvorwürfe gegen ihn geht.

WELT AM SONNTAG: Monsieur Mélenchon, dies ist Ihr vierter Versuch, französischer Präsident zu werden. Weshalb glauben Sie, dass Sie es dieses Mal schaffen werden?

Jean-Luc Mélenchon: Ich bin Marxist und habe eine materialistische Analyse: Frankreich wurde durch 40 Jahre Neoliberalismus zerstört. Aber hier sind die Auswirkungen noch brutaler, weil sich das Land um den Staat herum strukturiert hat. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass diese Krise zu einer Radikalisierung und einer Konfrontation von zwei Prinzipien führen wird: jeder gegen jeden oder alle gemeinsam. Am Ende wird es zu einem Kampf zwischen den Faschisten und uns kommen. Ich habe meine Wahlkampfstrategie auf diese Spaltung hin ausgerichtet.

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WAMS: Sie betrachten den Rassemblement National (RN) als Ihren Hauptgegner, als sei die Mitte von vornherein chancenlos. Wieso gehen Sie davon aus, dass es auf eine Stichwahl der Extreme hinausläuft?

Mélenchon: Die bürgerliche Mitte ist heute eine leere Hülse. Die Welt hat sich verändert. Die USA haben mit den Zöllen und dem Ende des Freihandels den Neoliberalismus beerdigt. Die Konservativen können nichts anderes anbieten als Angst vor Muslimen, Arabern und Schwarzen. Und die Sozialdemokraten haben den Zug verpasst, als sie den Vertrag von Lissabon und dessen neoliberale Regeln akzeptiert haben. Damit haben die Mitte-Links-Parteien den extremen Rechten den Weg geebnet.

WAMS: Wie wollen Sie Ihr Programm finanzieren, vor allem die Rente ab 60?

Mélenchon: Das Problem ist nicht Geldmangel, sondern die Art und Weise, wie die Wirtschaft organisiert ist. Alles ist eine Frage der Verteilung. Der wahre Aderlass des Landes sind nicht die öffentlichen Ausgaben, sondern die Deindustrialisierung und der Ausverkauf Frankreichs. Es gab noch nie so viel Geld. Die Frage ist nur, wohin es fließt.

WAMS: Der nächste Präsident wird einen kolossalen Schuldenberg erben. Es wird keinen Spielraum für Sozialpolitik geben, wenn der größte Haushaltsposten die Schuldentilgung ist.

Mélenchon: Das werden wir ändern. Wir werden diejenigen zur Kasse bitten, die nicht zahlen. Der Konzern Total hat in den vergangenen vier Jahren keine Steuern gezahlt, angeblich, weil er keine Gewinne in Frankreich erzielt. Man glaubt, uns für dumm verkaufen zu können! Und dann gibt es noch die Milliardäre, die sich der Steuerpflicht entziehen. Das ist wie im Ancien Régime: Wir befinden uns wieder im Jahr 1788, kurz vor der Revolution.

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WAMS: Begreifen Sie sich als Revolutionär?

Mélenchon: Wer das Wahlrecht ab 16 Jahren fordert, ist zweifellos ein Revolutionär. Aber ich bin kein so großer Revolutionär wie François Mitterrand, weil ich nicht wie dieser vorhabe, ein Drittel der Industrie zu verstaatlichen. Es geht heute um die Frage nach einem alternativen Projekt. Die alten kommunistischen Formeln funktionieren nicht mehr: Mit Klassenkampf, Enteignung des Kapitals, dem kollektiven Eigentum an den Produktionsmitteln ist es vorbei. Unser Ziel ist die harmonische Existenz der Menschen untereinander und mit der Natur. Manche nennen das Kollektivismus.

WAMS: Was verbirgt sich hinter dem "Neuen Frankreich"?

Mélenchon: Der Begriff ist ein politisches Konzept, aber zugleich auch eine Falle für unsere Gegner: Weil die Faschisten beständig von Identität reden, haben wir auch damit angefangen - aber um den Sinn umzudrehen. Der Slogan "Wir sind hier zu Hause!" bedeutet für den RN, die anderen auszuschließen. Für uns bedeutet er: Jeder, der in Frankreich geboren ist, ist hier zu Hause. Inzwischen hat jeder dritte Franzose Eltern, die im Ausland geboren wurden. Als ich jung war, war das Verhältnis noch eins zu zehn. Das ist das neue Frankreich, konkret und reell, das Frankreich von heute.

WAMS: Sie waren in den vergangenen Jahren auf Krawall gebürstet, in vielen Umfragen galten Sie als der verhassteste Politiker Frankreichs. Seit Sie Ihre Kandidatur erklärt haben, stimmen Sie einen versöhnlicheren Ton an. Wird das genügen, um das Bild des aggressiven Linkspopulisten vergessen zu machen?

Mélenchon: Die Strategie des Konflikts ist so alt wie die Linke. Schon Karl Marx hat erklärt, dass man kein Bewusstsein ohne Konflikt schaffen kann. Ich könnte bis Demokrit zurückgehen. Aber die Rolle eines Anführers einer politischen Bewegung ist nicht dieselbe wie die eines Präsidentschaftskandidaten. Meine Aufgabe ist es jetzt, für eine politische Debatte in einem Land zu sorgen, in dem sie von der Flut aus Informationen und Unterhaltung erstickt wurde.

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WAMS: Einige Ihrer Sätze wurden als antisemitisch verstanden. Bereuen Sie die?

Mélenchon: Ich bin dieser Verleumdung seit 2009 ausgesetzt. Es handelt sich deshalb nicht um etwas, das durch irgendeinen Satz, den ich kürzlich geäußert habe, begonnen hätte. Indem sie das unablässig wiederholen, wollen meine Gegner Tatsachen schaffen und mich diskreditieren.

WAMS: Warum haben Sie die Anschläge vom 7. Oktober 2023 bis heute nicht als terroristisch verurteilt? Sie können dieses Gespräch nutzen, das endlich zu tun.

Mélenchon: Das ist alles Manipulation und diese würde nicht enden, nur weil ich jetzt ein Wort ausspräche. Seit drei Jahren weise ich darauf hin, dass in Gaza ein Völkermord stattfindet. Solange ich attackiert werde, rückt dieser aus dem Blick. Das ist ein Ablenkungsmanöver. Dieselbe Maschinerie wurde gegen Jeremy Corbyn, Bernie Sanders, den Papst, den UN-Generalsekretär und sogar gegen Emmanuel Macron eingesetzt. Alle, die die kolonialistische Politik des Völkermordes Israels kritisieren, werden als Antisemiten abgestempelt.

WAMS: Ist es eine Wahlstrategie, um die Stimmen der arabischstämmigen Bevölkerung in den Banlieues zu bekommen?

Mélenchon: Das ist Rassismus! Meine Weltsicht ist eine universalistische. Ich bin ein Mann der Linken, ultratraditionell, ich zerschnipple das Volk nicht in Wählerschaften. Wenn ich meinen Wahlkampf in Saint-Denis beginne und vom Neuen Frankreich rede, dann nicht, um die Menschen auf ihre Wurzeln zu reduzieren.

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WAMS: Ähnlich wie der RN haben Sie angekündigt, dass Sie nur die Regeln und Verträge der Europäischen Union akzeptieren werden, die Ihnen gefallen. Wie muss man sich das vorstellen?

Mélenchon: Ich möchte zwei Dinge klarstellen. Ich habe niemals behauptet, dass wir die gemeinsame Währung, den Euro, abschaffen. Genauso wenig ist es unser Ziel, die Europäische Union zu verlassen. Aber ich sage ganz klar: Das wirtschaftliche Modell Europas ist obsolet.

WAMS: Was haben Sie vor?

Mélenchon: Etwas anderes vorzuschlagen. Die Situation ist nicht mehr dieselbe. Deutschland wird vielleicht den Ton ändern, sobald mal wieder eine Regierung der großen Koalition explodiert ist und die Faschisten vor der Tür stehen. Die Deutschen sind wie alle anderen auch: Sie haben Angst, wenn's brennt. Also werden sie auf uns hören. Sie hatten gedacht, dass Sie aufgrund ihrer Geschichte geimpft sind. Aber Worte und Moral reichen nicht aus, um eine Bewegung wie diese zu stoppen.

WAMS: Vor zehn Jahren haben Sie mit Deutschland abgerechnet, es als Gefahr, als Gift bezeichnet. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

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Mélenchon: Deutschland kann sich Arroganz nicht mehr erlauben. Es erlebt im dritten Jahr in Folge eine Rezession. Wo ist er hin, der Klassenbeste, der alles besser machte, der wusste, wo es langgeht, und uns Lektionen erteilt hat?

WAMS: Sind Sie für eine gemeinsame Verteidigung Europas?

Mélenchon: Alle haben beschlossen, sich bis an die Zähne zu bewaffnen, angeblich wegen der russischen Bedrohung. Aber wer glaubt denn daran, dass die Russen in Deutschland, Frankreich oder Belgien einmarschieren?

WAMS: Wollen Sie die Nato verlassen?

Mélenchon: Die Nato ist nutzlos, sie dient nur dazu, uns in Kriege hineinzuziehen, die nicht die unseren sind. Sollte ich Präsident sein, wird es keinen Krieg mit China geben.


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