Jan Fleischhauer
ist wegen einer Äußerung ins Visier der Ermittler geraten.
Freitag, 22.05.2026, 08:05
Christophe Gateau/dpa
Es ist von einer neuen Disziplin zu berichten. Ihre Vertreter sitzen auf Podien und in Talkrunden, wo sie ihre Kunst vorführen. Die Disziplin heißt: das Wegargumentieren des Offensichtlichen.
Jemand teilt eine Beobachtung, zum Beispiel die, dass der deutsche Sozialstaat Menschen aus ärmeren Ländern dazu animiere, den Weg nach Deutschland zu suchen. Darauf tritt der Experte fürs Wegargumentieren auf den Plan und entgegnet mit maliziösem Lächeln: "Es gibt keine Pull-Faktoren, das ist wissenschaftlich erwiesen." Pull-Faktoren seien eine Erfindung von Rechtspopulisten.
Oder ein Sprecher weist darauf hin, dass bestimmte ethnische Gruppen in der Kriminalstatistik überrepräsentiert seien. Bei Syrern und Afghanen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie eines Rohheitsdelikts verdächtig sind, zehnmal so hoch wie bei Deutschen. Bereinigt man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl um Alter und Geschlecht, liegt der Faktor immer noch vier- bis fünfmal so hoch.
"Alles falsch", sagt der Experte, "das hat mit Herkunft nichts zu tun." Ausländer seien nicht krimineller als Inländer. Sobald es kritisch wird, kann man die Uhr danach stellen, dass ein Fachmann um die Ecke biegt, um das Offensichtliche zu bestreiten.
DVA
Es ist etwas ins Rutschen geraten. Am eindrücklichsten sieht man es in den Schulen. Alle drei Jahre wird der Bildungsstand der deutschen Schüler in einem internationalen Vergleichstest erhoben.
Auf der Suche nach einer Erklärung landet man schnell bei der sich verändernden Zusammensetzung der Schülerschaft. 40 Prozent der Kinder an den allgemeinbildenden Schulen kommen heute aus Migrantenfamilien. In Kita und Schule sind wir das Einwanderungsland Nummer eins unter den OECD-Nationen, wie es der Bildungsredakteur der "Zeit", Martin Spiewak, in einem aufschlussreichen Report über die pädagogische Ratlosigkeit angesichts der Vielfalt im Klassenzimmer festhielt.
Leider ziehen wir daraus bis heute keine Schlüsse für den Bildungsauftrag. Wir tun einfach so, als ob alles so laufen würde wie vor 20 Jahren, als das deutsche Gymnasium noch der Goldstandard war.
Auch der Ton hat sich geändert. Es gibt eine neue Form von auftrumpfendem Selbstbewusstsein. Als die muslimische Hochschulgruppe an der Kieler Uni im vergangenen Jahr zu einer muslimischen Woche einlud, wurden die Teilnehmer gebeten, die Veranstaltungen durch getrennte Eingänge zu betreten: links die Frauen, rechts die Männer.
Selbstverständlich saß man dann auch nach Geschlechtern getrennt, die Männer vorne, die Frauen hinten. Noch sind es tastende Versuche, eine neue Ordnung zu etablieren. Aber man ahnt, wie es weitergeht.
Ich kenne eine Reihe schwuler Paare, die es inzwischen aus Angst vor Nachstellungen vermeiden, in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten auszutauschen. Charlottenburg, der Prenzlauer Berg oder Hamburg-Eppendorf sind immer noch safe. Aber für St. Pauli, Moabit oder Köln-Kalk gilt das schon nicht mehr. Und da sprechen wir noch gar nicht von Vierteln wie Neukölln oder dem Essener Norden, wo einen der Verdacht, man könne schwul sein, in Lebensgefahr bringt.
Deutschland werde sich mit dem Zuzug von außen ändern, und das sei ein Grund, sich zu freuen? Sagen wir so: Diesen Satz würden nicht alle schwulen, lesbischen, jüdischen oder queeren Menschen unterschreiben.
Die Mehrheitsgesellschaft reagiert konsterniert. Am weitesten geht die AfD. Das Versprechen lautet: Remigration für alle, derer man habhaft werden kann. Seit der berühmten Konferenz von Potsdam vor zwei Jahren zieht sich der juristische Streit darüber, was genau unter "Remigration" zu verstehen sei.
Links der Mitte zieht man es vor, die Probleme zu leugnen, weil es angeblich den Rechten in die Hände spielt. Da trifft es sich gut, dass vieles von dem, was man so hört und liest, die grünen Innenstadtviertel nur als Zeitungswissen erreicht. Bevor sich der Bürgergeld-Empfänger aus Neukölln den Altbau in Friedrichshain leisten kann, wird noch einige Zeit vergehen. Und die Clan-Familie, die sich den Altbau leisten könnte, ist lieber dort, wo ausreichend Parkplätze vorhanden sind.
FOCUS
Probleme gibt es bei den Schulen. Da kann man den Direktkontakt nicht vermeiden, dafür ist der Einzugsbereich zu groß. Wer seine Kinder in Charlottenburg oder Wilmersdorf in die Sprengelschule schickt, hat plötzlich auch Kontakt zu Leuten aus einer Schicht, die er bis dahin nur vom Vorbeifahren kannte.
Deshalb setzt jedes Jahr zum Schulbeginn in vielen Großstädten eine stille Völkerwanderung ein, um sicherzustellen, dass Finn und Sophie neben Lukas und Luisa sitzen.
Oder man sucht gleich eine Schule, bei der von vornherein klar ist, dass es Problemkinder hierher nicht schaffen. Niemand schreibt ans Schultor: "Hier kaum Migranten." Es reicht, dass man Lateinunterricht anbietet und Altgriechisch ab der 9. Klasse. Das ist der neue Weg: Latein als Distinktionsmerkmal. Fragen Sie mal nach, weshalb eine vor tausend Jahren ausgestorbene Sprache wieder boomt.
Die Argumentation hat sich geändert, das ist die Konzession des linken Lagers. Bis vor ein paar Jahren hieß es, Zuwanderung würde Deutschland bunter und vielfältiger machen. Das war das Mantra. Inzwischen sind auch die Grünen von diesem Bekenntnis abgerückt, was man schon daran erkennen kann, dass kaum noch jemand von "Multikulti" spricht. Wenn das Wort heute jemand benutzt, dann sind es Grünen-Verächter.
Jetzt lautet das Argument, wir bräuchten Einwanderung, um unser Sozialsystem am Leben zu halten. Es ist der Appell an die niederen Instinkte, wenn man so will: Wenn ihr schon gegen Fremde seid, dann lasst sie wenigstens aus Eigeninteresse ins Land.
Eine nachhaltige Migrationspolitik ist eine Frage von Alter, Geschlecht und Bildung. Wer mit dreißig Jahren noch ungelernt ist und somit erst spät anfängt, Steuern und Abgaben zu zahlen, kann unterm Strich kaum noch zur Volkswirtschaft beitragen. Wer ungelernt ins Land kommt, müsste mit zwanzig anfangen zu arbeiten, sonst kippt die Bilanz ins Negative. Das ist aber bei Flüchtlingen, die ein kompliziertes Asylverfahren durchlaufen müssen, selten der Fall.
Warum ist Migration ein so großes Thema? Die Leute fühlen sich betuppt. Es gibt die notorischen Fremdenfeinde, die sich ein sauberes Deutschland wünschen. Aber die Mehrheit hat nichts gegen Andersdenkende oder Andersgläubige - unter bestimmten Voraussetzungen.