Investitionen - Substanzverzehr: Die Wirtschaft im Osten erodiert - ein Lichtblick bleibt

Matthias Hochstätter

05.05.2026, 21:21 Uhr 4 Min

Der Osten entvölkert sich, überaltert, und neueste Daten deuten auch noch auf eine Schrumpfkur der Wirtschaft hin. Doch in einer Ost-Region geht es aufwärts. Bislang.

Substanzverzehr: Wer nicht reinvestiert, repariert und erneuert, schrumpft ungesund.
© Jan Woitas Lizenz/dpa

Die grundlegenden Wirtschaftsdaten für Deutschland stehen seit Jahren auf der Kippe. Nach dem Corona-Einbruch 2020/21 gab es eine Erholung, doch seit Beginn des Ukraine-Kriegs vor vier Jahren dümpelt die deutsche Wirtschaft vor sich hin - zwischen Stagnation und Rezession. Der Iran-Krieg und die daraus entstehenden Verwerfungen für Energiepreise und Produktion stellen nun eine weitere Hürde für Wirtschaftswachstum dar.

Doch wo nichts ist, kann auch nichts wachsen. Jeder Schrebergärtner weiß, dass man die Erde regelmäßig düngen muss, sonst laugt sie aus und das Gemüsebeet wirft nur noch spärlichen Ertrag ab. Und wenn man seine Wirtschaft, seine Straßen und Schulen nicht ständig in Schuss hält, dann verkommt das Land. Ein Gradmesser dafür, wie pfleglich man mit seinem Anlagevermögen umgeht, ist die Nettoinvestitionsquote. Sie zeigt, ob Anlagen und Infrastruktur schneller verschleißen, als sie modernisiert werden. Liegt sie unter null, sprechen Ökonomen von "Substanzverzehr".

Substanzverzehr in den meisten ostdeutschen Ländern

Für ganz Deutschland liegt die Quote für 2025 bei minus 0,23 Prozent. Damit war sie vergangenes Jahr erstmals seit der Wiedervereinigung unter der Nulllinie. Und wie sieht es in den Ländern aus?

Cem Ince, Bundestagsabgeordneter der Linken, hat mit dem Statistischen Bundesamt Daten gesammelt und die Investitionsquoten für die deutschen Bundesländer errechnen lassen. Da man hierfür auch große Datenbestände der Landesstatistikämter benötigt, liegen die Quoten nur bis 2023 vor. Sie geben aber für die deutschen Regionen einen wichtigen Hinweis darauf, wo es tendenziell bergab geht und wo nicht. Wo werden Gebäude und der Bestand an Maschinen und Fahrzeugen gut gepflegt - und wo nicht?

Im Osten Deutschlands sieht es nicht gut aus: Thüringen (-3,81 Prozent) und Sachsen-Anhalt (-2,98 Prozent) sind die deutschen Schlusslichter bei den Nettoinvestitionen. Hier wird die Substanz besonders stark aufgezehrt. Es folgen Bremen (-2,81 Prozent), das Saarland (-2,46 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (-2,16 Prozent). Auch Sachsen liegt mit -1,17 Prozent im Negativbereich - trotz Autoproduktion und Mikroelektronik.

Sogar NRW rostet mit -0,87 Prozent weiter. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass bis 2025 die anderen Bundesländer mit starken Investitionen die Durchschnittsquote für ganz Deutschland über null halten konnten. 2025 ließ dann die Kraft nach und Deutschland sackte insgesamt unter die Nulllinie.

Lichtblicke im Osten und Warnungen von der Linken

Lichtblicke sind Berlin (+3,86) und Brandenburg (+2,38). In und um die Hauptstadt sammeln sich beispielsweise mit dem BER, Google, Amazon und Tesla viel Hightech und Logistik an, aber eben auch Auto- und Maschinenbau. Doch die Strahlkraft reicht nicht weit genug über den Berliner Speckgürtel hinaus.

Cem Ince, der für die Linke im Ausschuss für Arbeit und Soziales sitzt, warnt: "Die Infrastruktur verfällt und Deindustrialisierung gefährdet ganze Regionen. In einer Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher und ökologischer Umbrüche ist diese Investitionsschwäche brandgefährlich."

Investitionsoffensive über Schulden und Sondervermögen

Wenn man dazu bedenkt, dass die Quoten von Ince und dem Statistischen Bundesamt reine Rückschau sind, dann können die ostdeutschen Landesregierungen diese Warnung nicht ernst genug nehmen - auch die in Berlin und Brandenburg. Denn seit 2023 hat sich die wirtschaftliche Lage nicht verbessert.

Im Gegenteil: Der "Geschäftsklimaindex Ostdeutschland" des Münchener Ifo-Instituts sinkt über die letzten Jahre beständig und bricht seit Beginn der Ölkrise weiter ein. Professor Joachim Ragnitz von der Dresdner Ifo-Niederlassung: "Die befragten ostdeutschen Unternehmen beurteilten ihre aktuelle Geschäftslage erheblich schlechter als noch im Vormonat und senkten ihre Geschäftserwartungen zugleich leicht ab." Und dieser Trend hält unterm Strich seit Jahren an.

Das Geschäftsklima in Ostdeutschland verschlechtert sich laut Ifo-Institut.
© Ifo-Institut

Ince fordert daher: "Wir brauchen eine entschlossene Investitionsoffensive." Doch Wirtschaftsdaten zufolge stammen mehr als 80 Prozent der Investitionen aus dem Privatsektor. Wenn hier angesichts der konjunkturellen Lage die Zuversicht fehlt, dann halten sich Unternehmen mit Investitionen weiter zurück.

Die Bundesregierung versucht mit Schulden und "Sondervermögen", die Investitionsbereitschaft von Wirtschaft und öffentlicher Hand anzukurbeln. Ince schlägt vor, mit den Einnahmen aus einer Vermögensteuer nachzuhelfen. Doch hierfür stehen derzeit unter Kanzler Friedrich Merz die Chancen schlecht.

Die nächsten statistischen Erhebungen werden Aufschluss darüber bringen, ob das Schulden-Programm der Regierung die Investitionstätigkeit ausreichend angeregt hat. Auch in den Ländern. Denn dazu waren die Sondervermögen ursprünglich gedacht - und nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern.


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