Alternde Gesellschaft: Importierte Vergreisung Deutschland altert rapide. Hilft da Migration? Leider ist die Sache viel komplizierter.

Ein Gastbeitrag von
Prof. Dr. Hans Bertram

Hans Bertram ist Leiter des Lehrbereichs Mikrosoziologie der Humboldt-Universität Berlin.

5. Februar 2026, 10:56 Uhr

Hans Bertram ist emeritierter Soziologe. Vor Kurzem ist sein neues Buch "Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder" erschienen.

Endgegner demografischer Wandel: Langfristige Erfolge in der Altersvorsorge werden nur durch nachhaltige Migration lösbar.
© Cavan Images/plainpicture

In der deutschen Demografiedebatte erscheint die Alterung der Gesellschaft meist als naturgesetzlicher Vorgang: zu wenig Kinder und zu viele Ältere führen zu einer zwangsläufig überlasteten Rentenversicherung. Dabei wird selten klar zwischen demografischer Alterung durch Geburten und Sterbefälle einerseits und politisch erzeugter Alterung durch Migration und Freizügigkeit andererseits unterschieden.

Schaut man ausschließlich auf die in Deutschland geborene Bevölkerung, ergibt sich ein anderes Bild, als die übliche "Vergreisungs"-Rhetorik suggeriert. Im Jahr 2014 lebten rund 15,6 Millionen Menschen in Deutschland, die in Deutschland geboren und älter als 65 Jahre waren; 2024 sind es etwa 15,1 Millionen - ein leichter Rückgang statt eines dramatischen Anstiegs.

Gleichzeitig ist bekannt, dass die großen Geburtsjahrgänge der Babyboomer in den kommenden Jahren verstärkt ins Rentenalter eintreten und die Zahl der über 65 Jährigen unter den Inlandsgeborenen um etwa 1,6 Millionen steigen wird. Doch die verbreitete These, die Babyboomer seien durch "zu wenig Kinder" alleinige Verursacher der heutigen Rentenprobleme, greift zu kurz. Sie blendet aus, dass diese Generation in einer Phase hoher Frauenerwerbstätigkeit einen erheblichen Produktivitäts- und Einnahmeschub erzeugt hat. Dessen Überschüsse aber wurden politisch nicht in eine nachhaltige Stabilisierung der Renten gelenkt, sondern unter anderem in die Finanzierung der Renten in der ehemaligen DDR.

Migration im höheren Lebensalter

Völlig anders sieht das Bild aus, wenn man die Gesamtbevölkerung insgesamt betrachtet. Insgesamt ist die Zahl der über 65 Jährigen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um rund 3,8 Millionen gestiegen. Dieser Zuwachs entfällt komplett auf Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden. Von diesen zusätzlichen 3,8 Millionen sind etwa 2,2 Millionen Zuwanderer aus anderen EU Staaten; der Rest stammt überwiegend aus Drittstaaten.

Damit wird ein erheblicher Teil der beobachteten Alterung nicht durch die innerdeutsche Geburtenentwicklung, sondern durch Migration im höheren Lebensalter erzeugt. Ein Land, dessen inländisch geborene ältere Bevölkerung nur leicht schrumpft, erscheint in der Gesamtstatistik als rasant alternd, weil es ältere Menschen aus anderen Ländern anzieht.

Für eine sachliche Analyse ist eine zweite Unterscheidung entscheidend: zwischen europäischer Freizügigkeit und Migration aus Drittstaaten. Die Freizügigkeit innerhalb der EU ist kein "Einwanderungsprogramm", sondern ein Grundrecht: Bürgerinnen und Bürger der Mitgliedsstaaten können ihren Wohnsitz weitgehend frei wählen. Deutschland ist inzwischen bevorzugtes Ziel vieler älterer Europäer, nicht zuletzt wegen einer leistungsfähigen Gesundheitsversorgung, eines dichten Pflegesystems und relativ großzügiger sozialstaatlicher Sicherung.

Überproportional viele ältere EU Bürger

Diese Form der importierten Alterung ist somit das Ergebnis europäischer Regeln und nationaler Entscheidungen über das Niveau der sozialen Sicherung. Wer in einem solchen Rahmen besonders attraktive Bedingungen bietet, zieht überproportional viele ältere EU Bürger an - mit entsprechenden Folgen für die eigene Altersstruktur und die Finanzierung der Sicherungssysteme.

Migration aus Drittstaaten ist demgegenüber unmittelbarer Gegenstand nationaler Politik: Asylrecht, humanitäre Aufnahme, Arbeitsmigration, Familiennachzug. Beide Ströme - EU Freizügigkeit und Drittstaatenmigration - wirken auf die Altersstruktur, aber mit unterschiedlicher politischer Verantwortlichkeit und Legitimation. Wer von "der Migration" spricht, ohne diese Unterschiede zu beachten, vermischt rechtlich wie politisch grundverschiedene Mechanismen.

Politisch wird Migration häufig als Lösung für die demografische Alterung präsentiert. Der implizite Gedanke scheint einleuchtend: Jüngere Zuwanderer stabilisieren die Erwerbsbevölkerung und entlasten das Rentensystem. In der Praxis aber liegen die Dinge deutlich komplizierter. Viele Zuwanderer kommen im erwerbsfähigen Alter, aber nicht im Rahmen stabiler Familien, sondern als alleinstehende Männer oder unter schwierigen sozialen Bedingungen.

Letztlich geht es um Generationengerechtigkeit

Unter solchen Voraussetzungen bleibt die tatsächliche Kinderzahl oft hinter den Erwartungen zurück. Die Fertilität neu Zugewanderter liegt damit keineswegs automatisch über jener der bereits ansässigen Bevölkerung. Eine Einwanderungsstruktur, die vor allem kurzfristig auf Arbeitskräfte setzt, ohne verlässliche Perspektiven für Integration und Familienbildung zu schaffen, erhöht zwar die Zahl der Beitragszahler, erzeugt aber nicht zwingend eine tragfähige nachwachsende Generation. In Kombination mit der Zuwanderung älterer Europäer im Rahmen der Freizügigkeit kann Migration die Altersstruktur Deutschlands dadurch eher "nach oben" verschieben, als sie nachhaltig zu verjüngen.

Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, die sozialen Sicherungssysteme so auszurichten, dass sie dieser komplexen Realität standhalten. Eine langfristig tragfähige Renten- und Sozialpolitik muss die natürliche demografische Alterung ebenso berücksichtigen wie die Folgen europäischer Freizügigkeit und der Migration aus Drittstaaten - und sie muss beide Dimensionen offen politisch wie fachlich begründen.

Tragfähige Perspektive für morgen

Maßstab all dieser Entscheidungen sollte konsequent die Generationengerechtigkeit sein. Generationengerechtigkeit bedeutet, dass keine politische Maßnahme kurzfristige Entlastung für heutige Wählerjahrgänge auf Kosten künftiger Beitragszahler organisiert. Großzügige Freizügigkeit innerhalb Europas muss sich daran messen lassen, ob die langfristigen Lasten für Renten , Gesundheits- und Pflegesystem fair zwischen den Generationen verteilt sind.

Großzügige Migration aus Drittstaaten muss sich daran messen lassen, ob sie nicht nur Arbeitskräfte für den Moment liefert, sondern auch eine tragfähige Perspektive für morgen schafft - einschließlich Integration, Familienbildung und realer Chancen für die Kinder und Enkel der heute Zugewanderten. Schließlich muss auch der Eintritt in den Ruhestand selbst unter dem Gesichtspunkt der Generationengerechtigkeit neu justiert werden: Welche Kombination aus Lebensarbeitszeit, Beitragshöhe und Leistungsniveau ist für kommende Generationen tragbar, wenn natürliche Alterung, Freizügigkeit und Migration zusammenwirken?

Erst wenn diese drei Quellen der Alterung transparent diskutiert werden, wird aus der demografischen Entwicklung keine schicksalhafte Bedrohung, sondern eine gestaltbare Aufgabe - und aus der Debatte über "die Alten" eine Debatte darüber, was eine Gesellschaft den Jüngeren zumuten will und darf.


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