20.06.2026 - 14:20 Uhr
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In einer Telefonschalte mit Mitarbeitern wird die GIZ-Führung schon damals deutlicher. Es gehe um "fraud", zu Deutsch: "Betrug". Rund zwei Jahre später wird der GIZ-Vorstand in vertraulicher Runde gar eine noch drastischere Formulierung nutzen:
Über Jahre sollen jemenitische Mitarbeiter Entwicklungshilfe veruntreut haben. Das zeigen Recherchen von WELT AM SONNTAG (gehört wie BILD zu Axel Springer). Die sogenannten nationalen Mitarbeiter kassierten deutsches Steuergeld für vermeintliche Seminare, die nie stattfanden, und ließen sich im großen Stil Tankrechnungen für Fahrten erstatten, die es nicht gab. Zudem soll es um Währungsmanipulationen, fragwürdige Vergabeverfahren und Zuschüsse gehen, die teilweise in die Taschen von Entwicklungshelfern oder deren Vertrauten flossen. Die GIZ teilte mit, erste Hinweise seien bereits im Herbst 2022 eingegangen; bislang seien 24 Mitarbeiter freigestellt worden.
WELT (gehört wie BILD zu Axel Springer) berichtete vor rund zwei Wochen erstmals über die Jemen-Affäre. Seither drängen sich Fragen auf: Wie groß ist der Schaden konkret? Wieso versagten alle Kontrollmechanismen? Und vor allem: Warum das lange Schweigen?
Neue Recherchen von WELT AM SONNTAG zeigen, dass vor allem die Frage nach dem zeitlichen Ablauf der Aufarbeitung politische Sprengkraft bergen könnte. Denn demnach hatte die zuständige Bereichsleitung der GIZ bereits vor mindestens einem Jahr eine Einschätzung über das vermutete Ausmaß der Unregelmäßigkeiten erarbeitet. Bereits ab Mitte 2023 kursierten grobe Prognosen. Laut den damaligen Einschätzungen, die dem Vorstand um Sprecher Thorsten Schäfer-Gümbel (56) vorlagen, könnte ein zweistelliger Millionenschaden entstanden sein. Dem Aufsichtsrat wurde diese Prognose noch bis vorige Woche vorenthalten - und das, obwohl das Gremium vom Vorstand laut geltender Rechtsprechung mit den Informationen zu versorgen ist, die es "für eine sinnvolle Überwachung der Geschäftsführung" benötigt.
Zwar informierte die GIZ den Aufsichtsrat erstmals im Frühjahr 2023 über die grundsätzliche Problematik. Konkret betroffene Summen legte man dabei jedoch nicht offen. Auch auf Medienanfragen reagiert die GIZ vage: "Die Prüfungen zur vollständigen Feststellung der Schadenshöhe sind noch nicht abgeschlossen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir deshalb dazu derzeit keine genaueren Angaben machen können." Fakt ist: Insgesamt sollen nach dem Betrugsfall drei Prüfverfahren angestoßen worden sein. Dazu beauftragte die GIZ unter anderem die Beratungsfirma KPMG.
Jüngst soll auch die dritte Prüfung abgeschlossen worden sein. Ob damit wirklich vollständige Transparenz hergestellt wurde, ist jedoch unklar. Denn es gibt große Schwierigkeiten, das Ausmaß des Skandals zu rekonstruieren. Das Entwicklungsministerium (BMZ), Auftraggeber der GIZ, verweist auf die sich "seit Juni 2024 weiter verschärfende Sicherheitslage im Jemen", die die Aufarbeitung "stark erschwert" habe.
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Insider halten jedoch einen anderen Punkt für entscheidend: Die Kontrollmechanismen seien seit jeher unzureichend gewesen. Anders als die KfW, die zweite große deutsche Entwicklungshilfeorganisation, die in Projektländern ein sogenanntes "third party monitoring", also unabhängige Prüfungen, etabliert habe, habe sich die GIZ auf die Aussagen von Mitarbeitern verlassen und die vermeintliche Richtigkeit eingereichter Belege schlicht per Unterschrift bestätigt.
Das Problem: Im Jemen agiert die GIZ bereits seit 2014 aufgrund der Sicherheitslage "per Fernsteuerung". Das bedeutet: Deutsche Mitarbeiter sind üblicherweise nicht vor Ort, sie leiten lokale Mitarbeiter vom weit entfernten Eschborn aus an. Innerhalb der GIZ vertraute man - mit Verweis darauf, die jemenitischen Beschäftigten bereits "seit Jahren" zu kennen - auf deren Integrität. Besonders heikel soll dabei die Rolle einer deutschen ehemaligen GIZ-Mitarbeiterin sein, die einen Jemeniten geheiratet hat und seither als "nationale Mitarbeiterin" vor Ort lebte. Die GIZ habe sie als Leiterin Finanzen und Administration eingesetzt - im Glauben, durch sie ein funktionierendes Kontrollregime vor Ort zu haben. Die Frau, die 2019 sogar das Bundesverdienstkreuz erhielt, steht nun im Verdacht, mindestens fahrlässig ihre Sorgfaltspflicht vernachlässigt zu haben.
Auch die Dokumentation aus dem Jemen sei lückenhaft, berichten Insider: Als die GIZ 2025 entschieden habe, den von den Huthis kontrollierten Nordjemen zu verlassen, sollen Teile der Projektakten vernichtet worden sein. Das BMZ stimmte dem Vorgehen demnach zu.
Dass die GIZ, die seit 2015 mehr als 100 Millionen Euro für Projekte im Jemen aufwandte, überhaupt so lange im Norden des Landes aktiv blieb, ist bemerkenswert. Seit Herbst 2014 kontrolliert die schiitische Huthi-Miliz die Hauptstadt Sanaa und große Teile des nördlichen Jemen. Wer hier als ausländische Organisation operieren möchte, muss sich mit den Extremisten arrangieren. Nach Informationen von WELT AM SONNTAG koordinierte die GIZ wesentliche Entscheidungen vor Ort mit der Huthi-Behörde SCMCHA.
Internationale Organisationen wie Human Rights Watch und das Counter Extremism Project berichten, dass SCMCHA erheblichen Einfluss auf Personalentscheidungen, Projektgenehmigungen, Ausschreibungen und die Wahl der Empfänger von Hilfsleistungen nehme. Auch nachdem die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel angriff und die Huthis (Leitspruch: "Gott ist groß, Tod Amerika, Tod Israel, Fluch über die Juden, Sieg dem Islam") sich auf die Seite der Terroristen schlugen, kam es bei der GIZ nicht zu einer Neubewertung.
Die Entscheidung, die Projekte in den Huthi-Gebieten einzustellen, fällte das Unternehmen erst Monate später. Insider halten es für nicht ausgeschlossen, dass von den veruntreuten Millionen auch die Miliz profitiert haben könnte. Eine Person mit Kenntnis der betroffenen Projekte sagte WELT AM SONNTAG: "Der Nordjemen ist bettelarm. Wenn dort plötzlich Millionen abgezwackt werden, bekommen auch die Machthaber das mit." Es sei daher denkbar, dass Teile des Geldes am Ende bei der Miliz landeten. Auch rund 20 gepanzerte Fahrzeuge der GIZ sollen nach Projektende den Huthis zugefallen sein. Die GIZ dementierte dies auf Anfrage. "Die gepanzerten Fahrzeuge befinden sich weiterhin im Besitz der GIZ auf gesichertem Gelände", teilte ein Sprecher mit.
Eine frühere externe Prüfung soll zudem bereits 2023 die dringende Empfehlung an die GIZ enthalten haben, die Geschäftsbeziehung mit der Yemen Kuwait Bank zu beenden. Die USA setzten die Bank 2025 auf die Sanktionsliste. Die Huthis nutzten diese, um Geld zu waschen und an verbündete Terrorgruppen zu transferieren. Trotz der Warnung soll die GIZ weiter mit der Bank Geschäfte gemacht haben.
Im politischen Berlin sorgt die Affäre für Aufregung. Die AfD nutzt den Fall als Argument für drastische Forderungen. Ihr entwicklungspolitischer Sprecher Rocco Kever sagte: "Der Fall unterstreicht einmal mehr die grundsätzlichen Defizite der bisherigen Entwicklungshilfepolitik: Milliarden fließen, ohne dass Deutschland oder die Partnerländer nachhaltig davon profitieren." Die AfD fordert daher, das BMZ aufzulösen und die verbleibenden Aufgaben in das Auswärtige Amt und das Wirtschaftsministerium einzugliedern.
Der entwicklungspolitische Sprecher der Union, Nicolas Zippelius, mahnt eine umfassende Aufklärung an: "Ich lege größten Wert darauf, dass Fördermittel ausschließlich korrekt und zweckentsprechend eingesetzt werden." Die SPD, Partei von Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan und GIZ-Vorstandschef Schäfer-Gümbel, war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.
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Rückendeckung bekommt Schäfer-Gümbel von der Grünen-Abgeordneten Claudia Roth. "Er hat in dieser Krise das Gespräch mit dem Parlament gesucht, war ansprechbar und vertritt die für Frieden, Stabilität und Sicherheit zentralen Aufgaben der Entwicklungszusammenarbeit mit erkennbarer Überzeugung", sagte Roth. Sie erwarte vom BMZ aber, das Parlament von sich aus und frühzeitig umfassend zu informieren. "Gerade in Zeiten, in denen Entwicklungspolitik durch gezielte Desinformationskampagnen immer mehr unter Beschuss gerät, ist das auch eine Frage der Transparenz darüber, dass die dringend benötigten Entwicklungsgelder zielführend verwendet werden."
Die GIZ ließ einen ausführlichen Fragenkatalog in der gesetzten Frist unbeantwortet. Nach Ablauf der Frist teilte das Unternehmen mit, bei der Information des Aufsichtsrates "zu jeder Zeit die Vorschriften des Mitbestimmungsgesetzes" eingehalten zu haben. Eine externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sei in drei Sonderprüfungen Hinweisen auf kaufmännische Unregelmäßigkeiten im Jemen nachgegangen. "Der Aufsichtsrat wurde seit Frühjahr 2023 regelmäßig informiert. Entstandene Rückforderungen zahlt die GIZ an die Auftraggeber zurück." Aufgrund der Sicherheitslage im Jemen sei eine Belegprüfung nur eingeschränkt möglich.