16.05.2026, 17:35 Uhr 9 Min
© Álvaro Bernis für Berliner Zeitung am Wochenende
Guya Merkle beobachtet diese Entwicklung aus einer besonderen Perspektive. Die Unternehmerin und Gründerin des Berliner Schmucklabels Vieri sitzt im Wirtschaftsbeirat der Grünen und bringt dort den Blick aus der Praxis ein. Im Interview spricht sie über die Fehler der Partei, die Stimmung unter Unternehmern und darüber, wieso sie Katherina Reiche nicht versteht.
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Frau Merkle, Sie sitzen im Wirtschaftsbeirat der Grünen. Was bedeutet das eigentlich - was macht man dort?
Der Wirtschaftsbeirat wurde berufen, um Unternehmer und Unternehmerinnen aus unterschiedlichen Branchen zusammenzubringen. In diesem Beirat sitzen auch Menschen, die den Grünen eher fernstehen. Die Idee ist, ein breites Bild der Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Bedürfnisse abzubilden: große Konzerne, NGOs, kleine Unternehmen, Start-ups, Tech-Unternehmen, Sozialunternehmen.
Wie läuft diese Arbeit konkret ab?
Es gibt drei Sitzungen im Jahr, bei denen alle zusammenkommen. Die Grünen sind ja in der Opposition und machen der Regierung Vorschläge oder fordern konkrete Änderungen. Wir lesen das zum Teil im Vorfeld und sagen dann, was wir davon halten. Es gibt Arbeitsgruppen, in denen konkrete Anregungen erarbeitet werden, und die Grünen versuchen dann, diese Vorschläge in ihre Forderungen einzuarbeiten. Daneben kann es auch kurzfristige Sitzungen geben. Wegen der Zuspitzung im Nahen Osten gab es eine Online-Sondersitzung zur Energiesituation.
Was wurde dort diskutiert?
Darüber darf ich nicht sprechen, da der Inhalt der Sitzungen vertraulich ist. Man merkt aber schnell, wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind, je nachdem, welcher Branche man angehört oder wie viele Mitarbeiter man hat. Die einen sagen, wir brauchen sofort günstigen Strom und Entlastungen, weil sonst die Produktion gefährdet ist - andere sagen, sie brauchen andere Rahmenbedingungen oder gezielte Förderung. Das Spannende ist ja, dass diese Interessen alle berechtigt sind. Die Frage ist dann, wie man mit diesen unterschiedlichen Bedürfnissen politisch umgeht.
Guya Merkle, geboren am 10. Februar 1986 in Pforzheim, ist Unternehmerin, Aktivistin und Gründerin von VIERI Fine Jewellery. Nachdem sie früh das Familienunternehmen übernommen hatte, begann sie, die Herkunft von Gold und die Bedingungen seiner Gewinnung kritisch zu hinterfragen. Eine Reise zu den Goldminen Perus prägte ihre weitere Arbeit maßgeblich: 2012 gründete sie die Earthbeat Foundation, 2015 folgte in Berlin ihr eigenes Schmucklabel. In ihrer Arbeit verbindet Merkle hochwertigen Echtschmuck mit Fragen von Verantwortung, Transparenz und Nachhaltigkeit. Mit dem World Gold Day, den sie 2019 ins Leben rief, setzt sie sich bis heute für mehr Bewusstsein, Transparenz und faire Bedingungen im Umgang mit Gold und seiner Lieferkette ein. Seit März 2026 sitzt Merkle im Wirtschaftsbeirat der Grünen.
Als Sie für den Wirtschaftsbeirat angefragt wurden, haben Sie da direkt zugesagt und warum?
Ja, ich habe direkt zugesagt. Weil ich schon lange gemerkt habe, dass man viele der Themen, für die ich mich engagiere, ohne Politik nicht verändern kann. Ich beschäftige mich seit Jahren mit Lieferkettengesetzgebung, mit europäischer Regulierung und mit der Frage, wie Rohstoffe unter menschenrechts- und umweltkonformen Bedingungen gewonnen werden können. Dafür braucht es nicht nur politische Rahmenbedingungen, sondern auch konkrete Gesetze und Konsequenzen. Ich habe gerade auch ein Buch darüber geschrieben und mich dafür intensiv mit Expertinnen und Experten ausgetauscht.
Dann werfen wir mal einen Blick auf die Politik. Was waren aus Ihrer Sicht die größten Fehler der Grünen in der Regierung - und warum wurden sie bei der Bundestagswahl abgestraft?
Ich glaube, jede Regierung macht Fehler. Man darf auch nicht vergessen, unter welchen Bedingungen diese Regierung gestartet ist. Kurz nach der Wahl brach der Krieg in der Ukraine aus, plötzlich war eine Energiekrise da, mit der niemand gerechnet hatte. Das hätte jede Regierung vor enorme Herausforderungen gestellt.
Mein Eindruck ist aber, dass wir an einen Punkt gekommen sind, an dem Parteien-Bashing fast schon normal geworden ist. Dabei übersehen wir, dass die demokratischen Parteien eigentlich einen gemeinsamen Gegner haben: die antidemokratischen Kräfte. Ich glaube, dass dieses permanente Bashing vor allem der AfD nutzt.
Sie meinen also, die Grünen wurden Opfer eines vergifteten politischen Klimas?
Ich glaube auch, dass es strategische Fehler gab. Ich sage das ganz bewusst als Frau: Ich halte es im Rückblick zum Beispiel für einen strategischen Fehler, dass Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin wurde und nicht Robert Habeck. Ich verstehe, warum man sich damals so entschieden hat, und finde das Signal natürlich wichtig. Aber ich glaube, Habeck hätte in dieser Rolle mehr Rückhalt und mehr Vertrauen mobilisieren können. Wenn eine Partei erst die eine Person aufbaut und später die andere nach vorn stellt, sendet das nach außen eben auch ein Signal von Uneinigkeit. Und Vertrauen ist in solchen Zeiten entscheidend.
© Michael Matthey/imago
Also war weniger die Politik das Problem als das Bild, das die Partei abgegeben hat?
Beides hängt zusammen. Ich glaube, ein großes Problem war die sichtbare Zerrissenheit der Koalition. Wenn Parteien öffentlich ständig streiten, verlieren Wählerinnen und Wähler Vertrauen. Das gilt nicht nur für die Grünen, das sieht man ja auch gerade wieder. Menschen erwarten, dass Regierungen Entscheidungen treffen und das Land führen - und nicht, dass sie sich bei jeder Frage öffentlich zerlegen.
Wie stark hat das Heizungsgesetz dem Bild der Grünen geschadet?
Sehr stark, das sieht man ja bis heute. Ich glaube aber, dass das Problem vor allem in der Kommunikation lag. Das Gesetz war noch nicht fertig, als es öffentlich verhandelt wurde. Dann wurde es politisch und medial so zugespitzt, als müssten jetzt alle sofort ihre funktionierenden Heizungen herausreißen. Das stand ja so nie drin. Die Grundidee - dass man, wenn eine Heizung kaputtgeht, perspektivisch auf zukunftsfähige Technik setzt - ist an sich nicht absurd. Wenn man Wettbewerbsfähigkeit und Energiesicherheit ernst nimmt, dann ist das eine strategische Frage. Aber die Kommunikation dazu ist völlig schiefgelaufen.
Bei den Grünen heißt es oft, sie seien eine Partei der Akademiker und hätten zu wenig Blick für soziale und wirtschaftliche Alltagssorgen.
Viele Menschen haben volle, komplizierte Leben. Sie haben Familie, finanzielle Sorgen, Stress im Alltag. Die können und müssen sich nicht bis ins letzte Detail in politische Vorhaben einarbeiten. Wenn dann komplexe Themen schlecht erklärt werden und gleichzeitig auf Social Media Angstkampagnen laufen, entsteht Frust.
Wer privilegiert lebt, hat eher die Kapazität, sich mit langfristigen Themen wie Klimaschutz intensiv zu beschäftigen. Wer aber gerade vor allem darum kämpft, die Familie durchzubringen, den Job zu sichern oder die Miete zu zahlen, hat andere Prioritäten. Das heißt nicht, dass Klimaschutz unwichtig wäre - im Gegenteil. Aber man muss verstehen, dass er für viele Menschen nicht auf Platz eins steht. Und ich glaube, dass Politik das stärker mitdenken muss. Keine Partei macht derzeit wirklich Politik für alle Bürger.
Wie fällt denn Ihr Zwischenzeugnis für die aktuelle Bundesregierung aus?
Ich bin, offen gesagt, zum Teil ratlos. Vor allem bei der Energiepolitik verstehe ich manche Signale nicht. Wenn jetzt etwa die Förderung für Photovoltaik auf Privathäusern infrage gestellt und gleichzeitig an fossilen Strukturen festgehalten wird, dann finde ich das schwer nachvollziehbar. Mich irritiert, dass erneuerbare Energien oft noch immer so behandelt werden, als seien sie ein ideologisches Projekt. Dabei geht es längst um Wettbewerbsfähigkeit, Energiesicherheit und Zukunftsfähigkeit. Andere Länder investieren massiv in diesen Bereich. Dass Deutschland da zögert, verstehe ich nicht.
Sie spielen auf Wirtschaftsministerin Katherina Reiche an. Wie sehen Sie deren Kurs?
Ich verstehe ihn bislang nicht. Natürlich hat sie eine Vorgeschichte in der Energiewirtschaft, und natürlich gibt es enge Verbindungen zu großen Konzernen. Aber selbst wenn man den Grünen nichts abgewinnen kann, müsste man doch sehen, dass der Ausbau erneuerbarer Energien keine Frage grüner Ideologie ist, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Wir haben in Deutschland wichtige Investitionen verschleppt, etwa beim Netzausbau. Das muss man benennen und lösen. Aber daraus jetzt den Schluss zu ziehen, man müsse wieder stärker auf Fossiles setzen, halte ich für den falschen Weg.
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Was erleben Sie derzeit in Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern? Das Ifo-Geschäftsklima ist gesunken, die Unsicherheit groß, die Zahl der Insolvenzen steigt.
Unternehmen investieren nicht gern in einem Umfeld, das als instabil und widersprüchlich wahrgenommen wird. Und da geht es gar nicht zuerst um Steuern oder Symbolpolitik, sondern um Verlässlichkeit. Welche Energie steht künftig zur Verfügung? Zu welchen Preisen? Welche Richtung verfolgt die Politik?
Wir reden viel über Wachstum, aber Investitionen setzen Vertrauen voraus. Wenn Unternehmen den Eindruck haben, dass die politische Richtung ständig wechselt oder Versorgungssicherheit nicht gewährleistet ist, dann warten sie ab. Und genau das ist im Moment ein riesiges Problem.
Sie haben eben gesagt, keine Partei mache derzeit wirklich Politik für alle Bürger. Was meinen Sie damit?
Ich glaube, dass gerade sehr oft an einer großen Gruppe von Menschen vorbeiregiert wird. Viele Menschen fühlen sich nicht abgeholt. Es gibt Ängste - oft auch irrationale -, und diese Ängste werden von manchen Akteuren gezielt verstärkt. Ich lebe auf dem Dorf und sehe dort sehr genau, wer wirklich Bürgerkontakt sucht. Ich habe den Eindruck, dass viele demokratische Parteien den Kontakt zu Teilen der Bevölkerung verloren haben. Daraus entsteht dann schnell dieses Gefühl von "die da oben".
Was müssten die Grünen tun, um wieder in Regierungsverantwortung zu kommen?
Ich habe den Eindruck, dass sich die Partei auf den Weg macht, sich aus einer alten Blase herauszubewegen. Natürlich verärgert sie damit auch Teile ihrer klassischen Anhängerschaft. Aber ich glaube, dieser Weg ist richtig. Ich finde, der Wirtschaftsbeirat ist schon ein starkes Zeichen dafür. Dort sitzen bewusst auch Menschen, die nicht klassisch grün sind. Allein das Signal, externe und auch kritische Stimmen einzubeziehen, halte ich für wichtig.
Die Aufgaben, vor denen wir stehen, lassen sich ohnehin nur überparteilich lösen. Die Grünen müssen weiter daran arbeiten, wirtschaftliche Realität ernst zu nehmen, unterschiedliche Perspektiven einzubinden und politische Vorschläge so zu erklären, dass Menschen sich nicht sofort bedroht fühlen. Dann können sie auch wieder näher an Regierungsverantwortung herankommen.