Gewissen im Wandel Neue Zeiten: Warum Joschka Fischer und Robert Habeck jetzt für Deutschland kämpfen würden

André Mielke

04.02.2026, 06:06 Uhr

Rein theoretisch. Wenn da das Alter nicht wäre. Unser Kolumnist denkt über eine Konjunktivkonvertitenkompanie nach, über Krieg, Gewissensgründe und Pazifismus.

Gebirgsjäger der Bundeswehr.
Kay Nietfeld/dpa

Als junger Mann, so Joschka Fischer zum Tagesspiegel, würde er sich freiwillig melden. Vor der Grünen-Legende erklärten bereits einige Politiker, Künstler und Journalisten, frühere Gewissensgründe gegen den Wehrdienst überwunden zu haben, vornweg Robert Habeck und Tote-Hosen-Campino. Nunmehr stünden sie dem Kommiss zur Verfügung. Wenn nur, ach, ihr verdammtes Alter nicht wäre. Daher langt es nur zur Konjunktivkonvertitenkompanie.

Halt, das ist gehässig. Dass Standpunkte sich ändern, sollte die Regel sein. Fragwürdiger als Fischers Sinneswandel scheint mir dessen zeitgeistige Begründung: "Die Zeit ist eine andere. Wir werden bedroht. Wir müssen uns verteidigen."

Als junger Mann träumte ich von der Atombombe. Ein Jumbojet flog in 50 Metern Höhe vor meinem Wohnblock vorbei. Aus der Kabinentür flog ein Behälter. Bizarr. Ich wusste, das war sie. Den Konsequenzen entzog ich mich durch Früherwachen. Das Bedrohungsgefühl nistete im Unterbewusstsein, Anfang der 1980er. Beide Seiten hatten den Finger am roten Knopf. In Fachkreisen spricht man vom Sicherheitsparadoxon, wenn Maßnahmen, die eine Seite zum eigenen Schutz ergreift, von der anderen als Bedrohung verstanden werden.

Hätte nicht Rotarmist Petrow einen US-Erstschlagsfehlalarm eigenmächtig als solchen gehandhabt, dürfte Berlin jetzt nicht mehr erleben, wie sein Bürgermeister um Streusalz bettelt. Das waren Zeiten. Waren sie anders?

Kalter Krieg: Feindbilder und die Balance des Schreckens

Den Kalten Krieg gab es schon Mitte, Ende der 1960er. Fischer wurde in einer Zeit ausgemustert, in der Amerikaner Vietnam verheerten und kurz bevor Sowjets den Prager Frühling erledigten. Wenn damals etwas anders war, dann Fischer, der nach eigenem Bekunden sowieso verweigern wollte. Und das wollte er gewiss nicht, weil es keine Todfeindbilder und Schreckensbalance gegeben hätte. Ach wo, er dachte einfach nicht im Traum daran, seine Knochen fürs Schweinesystem hinzuhalten.

In derselben Ausgabe berichtet der Tagesspiegel über die Umfrage eines Kreml-kritischen russischen Instituts. Demnach betrachtet jeder zweite Russe Deutschland als feindseliges Land. Ein Soziologe wird zitiert: Dies sei Folge der "unablässigen antiwestlichen Propaganda" und einer "Militarisierung des Bewusstseins". Das bezweifle ich keine Sekunde.

Wie der Krieg wahrscheinlicher wird

In hiesigen Umfragen sieht wiederum die Hälfte der Deutschen sich von Russland akut bedroht. Selbstredend sind diese Befragten keineswegs Opfer unablässiger antirussischer Propaganda, sondern beweisen, Originalton der neuesten Studie, "ein hohes Maß an sicherheitspolitischer Sensibilität".

Russland richte seine neuen Militärstrukturen "allesamt gen Westen", klagt der Generalinspekteur der Bundeswehr. Wir werden bedroht. Wir müssen uns verteidigen. Also wird die Nato-Ostflanke verstärkt. Klingt plausibel. So wie russische Aussagen, wonach der Westen durchweg mit Blickrichtung Osten rüstet. Folglich verstärkt Moskau seine Westflanke. Bedrohung. Mehr Verteidigung. Noch mehr Bedrohung. Es muss nicht einer den Krieg wollen, damit er wahrscheinlicher wird.

Zum Glück braucht man das Sicherheitsparadoxon nicht unbedingt mit dem potenziellen Feind zu diskutieren. Diesem schrecklichen Typen. Man kann, wenn man jeck genug ist, auch ganz fest die Daumen drücken, dass beim nächsten Fehlalarm wieder ein Diensthabender die Vorschriften ignoriert. Et hätt noch emmer joot jejange.


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