Friedensverhandlungen In Erklärungsnot: Berlins widersprüchliche Antworten zu Putins Schröder-Vorschlag

Florian Warweg

18.05.2026, 08:57 Uhr 6 Min

Ukraine-Krieg: Putin brachte Altkanzler Schröder als Vermittler ins Spiel. Bundesregierung lehnt auf OAZ-Anfrage ab - verstrickt sich dabei aber in offene Widersprüche.

Stefan Kornelius, Sprecher der Bundesregierung in der Bundespressekonferenz: "Ich nenne keine konkreten Namen..."
© Michael Kappeler

Es war ein bemerkenswerter Auftritt, den Regierungssprecher Stefan Kornelius in der Bundespressekonferenz hinlegte - bemerkenswert vor allem in dem, was er nicht sagte und dem Ausmaß an Widersprüchen, in die er sich verstrickte. Anlass war die Pressekonferenz Wladimir Putins am Vorabend des "Tags des Sieges", in der der russische Präsident überraschend den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder als möglichen Vermittler in einem ukrainisch-russischen Verhandlungsformat ins Spiel gebracht hatte.

Regierungssprecher in Erklärungsnot: Berlins widersprüchliche Antworten zu Putins Schröder-Vorschlag
© OAZ

Dabei fiel ein Detail seiner Aussage in der bundesdeutschen Berichterstattung weitgehend unter den Tisch, auf welches der Innsbrucker Politikwissenschaftler Gerhard Mangott hinwies: Putin hatte ausdrücklich ergänzt, sollte Schröder nicht in Frage kommen, mögen die Europäer "einen Staatschef wählen, dem sie vertrauen und der nichts Negatives über uns gesagt hat". Ein Vorschlag also, der durchaus Verhandlungsspielräume eröffnete - und nicht ausschließlich auf eine Person zugeschnitten war.

Ausweichmanöver gleich zu Beginn

Doch davon wollte Kornelius nichts wissen. Auf die Eingangsfrage, ob ein Vermittler Schröder für die Bundesregierung grundsätzlich nicht infrage komme, wich der Sprecher aus. Es gebe "ein klar definiertes Vermittlerumfeld", Russland wisse, "wer der Ansprechpartner in Europa ist". Konkrete Namen? Fehlanzeige. Stattdessen die formelhafte Versicherung, man warte "auf substanzielle Signale aus Moskau".

Auf die Nachfrage, ob denn überhaupt ein Kontakt zwischen Bundesregierung und Schröder stattgefunden habe, antwortete Kornelius mit einem knappen "Nein". Die folgende Frage, ob Vizekanzler Lars Klingbeil - aus dessen Partei sich gewichtige Stimmen wie Ralf Stegner und Adis Ahmetovic für eine zumindest ergebnisoffene Prüfung des Vorschlags ausgesprochen haben - nun "eher in Übereinstimmung mit seinen Parteifreunden oder mit der Linie der Bundesregierung" stehe, parierte Kornelius mit der Behauptung, "die Bundesregierung spricht hier mit einer Stimme". Eine Aussage, die angesichts der dokumentierten innerkoalitionären Differenzen mindestens diskussionswürdig erscheint.

Erster Widerspruch: Bewegung in Moskau wird ausgeblendet

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Bemerkenswert war auch Kornelius' Einschätzung der Putin-Äußerungen insgesamt. Auf die Frage, ob ihn der Hinweis Putins auf ein näher rückendes Kriegsende hoffnungsvoll stimme, erklärte der Sprecher, dieser stehe "im Widerspruch zu vielen anderen Äußerungen". Ein erster Test wäre "eine Verlängerung der Waffenruhe bzw. ein einseitiges Moratorium". Hier offenbart sich ein erster Widerspruch im Vortrag des Regierungssprechers: Während Kornelius einerseits jegliche Bewegung Moskaus negiert, hatte Putin am Vorabend ausdrücklich US-Präsident Donald Trump für dessen Vermittlerrolle gewürdigt und sich offen für Direktgespräche mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij gezeigt - ein Punkt, in dem Russland zuvor mit Verweis auf Selenskijs angeblich "illegitimen" Status gemauert hatte. Diese durchaus relevante Entwicklung blendete Kornelius vollständig aus.

Die Frage der OAZ: Was spricht eigentlich konkret gegen Schröder? An dieser Stelle setzte die Frage der OAZ an. Auf das Insistieren des Verfassers, was denn explizit gegen den Vorschlag spreche, Schröder als Vermittler zu nutzen, wiederholte Kornelius lediglich seine zuvor schon bemühte Formel, Russland wisse, "wer in Europa seine Ansprechpartner sind". Personen oder konkrete Vorschläge wolle er nicht kommentieren, sondern lediglich "den Rahmen" abstecken. Zweiter Widerspruch: Erst "anerkannte Vermittler" - dann gibt es sie gar nicht

Auf die Nachfrage, wer denn nun konkret die "von beiden Kriegsparteien anerkannten Vermittler" seien, antwortete Kornelius mit einer überraschenden Volte: Die Europäische Union sei "bereits in verschiedenen Vermittlungsformaten beteiligt" gewesen, Russland sei "nicht darauf eingegangen". Und dann, fast nebenbei: "Ich denke, in der jetzigen Situation braucht es keinen Vermittler, den es in einer neutralen Form ja auch nicht gibt." Hier zeigt sich der zweite, gravierendere Widerspruch: Zuvor hatte Kornelius noch explizit auf etablierte "Ansprechpartner, die auf Zustimmung aller Konfliktparteien stoßen" verwiesen - nun räumt er ein, dass es solche neutralen Vermittler gar nicht gebe. Ein argumentativer Spagat, der die Stringenz der Regierungslinie zumindest in Zweifel zieht.

Konfliktparteien als Vermittler?

Auf die wiederholte Bitte um konkrete Namen blieb der Sprecher auch im dritten Anlauf vage: Es seien die Europäische Union sowie das "E3-Format" - also Deutschland, Frankreich und Großbritannien - die "an der Seite der USA" bereitstünden. Eine Antwort, die mit Blick auf die Ausgangsfrage - nämlich nach von beiden Kriegsparteien anerkannten Vermittlern - ins Leere läuft. Denn Russland hat genau diese Akteure als Konfliktparteien identifiziert, gerade weil sie die Ukraine militärisch und finanziell unterstützen. Kornelius selbst verwies in diesem Zusammenhang stolz auf das jüngst beschlossene 90-Milliarden-Euro-Darlehen der EU sowie auf das in Kraft getretene 20. und das in Vorbereitung befindliche 21. Sanktionspaket. Damit erklärt der Regierungssprecher faktisch jene Akteure zu Vermittlern, die Russland aus naheliegenden Gründen nicht als neutral akzeptieren wird - ein logischer Zirkel, der die Verhandlungsperspektive eher verstellt als eröffnet.

Reflexhafte Zurückweisung

Die diplomatische Logik der Bundesregierung erscheint damit in einem eigentümlichen Licht: Einerseits wird Putin vorgeworfen, keine substanziellen Signale zu senden. Andererseits wird ein konkreter Personalvorschlag - verbunden mit der ausdrücklichen Bereitschaft, auch Alternativen zu akzeptieren - binnen weniger Stunden als "Scheinangebot" zurückgewiesen, ohne dass auch nur ein Gespräch mit dem Genannten stattgefunden hätte. Dass Schröder, immerhin bis 2005 Regierungschef der Bundesrepublik, inzwischen Privatmann ist und Bundeskanzler Friedrich Merz formal zu nichts verpflichtet, macht die Reflexhaftigkeit der Reaktion umso bemerkenswerter.

"Eine Stimme" der Regierung? Die Realität sieht anders aus

Auch innerhalb der Koalition wird die Linie keineswegs einhellig getragen. Während SPD-Außenpolitiker wie Stegner ("wäre fahrlässig, das auszuschlagen") und Ahmetovic ("ernsthaft prüfen") für eine differenziertere Haltung plädieren, schloss CDU-Außenpolitiker Peter Beyer den Vorschlag als "durchschaubare Finte" rundheraus aus. BSW-Chef Fabio De Masi wiederum argumentierte, mit Schröder "würden wir auch Putin unter Zugzwang bringen". Die von Kornelius behauptete "eine Stimme" steht damit in deutlichem Kontrast zur tatsächlichen Debattenlage.

Fazit: Formeln statt Substanz

Was bleibt, ist der Eindruck einer Regierungskommunikation, die sich in Formeln flüchtet, wo Substanz gefragt wäre. Die zentrale Frage - wer denn nun konkret jene Vermittler sind, die sowohl Kiew als auch Moskau akzeptieren - ließ Kornelius dreimal unbeantwortet. Es ist zu vermuten, dass dies kein Zufall war.


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