24.01.2026, 11:06 Uhr
oman Chop/AP/dpa
Ausgangspunkt der Recherche ist unter anderem ein im September 2025 veröffentlichtes Foto, das rund 20 bewaffnete Männer in Uniform zeigt, die sich um ein gepanzertes Fahrzeug gruppieren. Das Bild wurde über Instagram verbreitet und in rechtsextremen Netzwerken weitergeleitet. In den Kommentaren tauchten offen nationalsozialistische Bezüge auf, darunter der Begriff "Einsatzgruppen" - die Bezeichnung für jene mobilen Mordkommandos des NS-Regimes, die im Zweiten Weltkrieg für den Massenmord an Juden, Roma und politischen Gegnern verantwortlich waren.
Urheber dieses Kommentars ist laut Streetpress ein französischer Neonazi aus Lyon, der unter dem Pseudonym "Kenneth" auftritt und bereits mehrfach in Medienberichten erwähnt wurde. Der Mann trägt demnach Hakenkreuze und SS-Embleme als Tätowierungen und reiste bereits 2022 in die Ukraine. Im Frühjahr 2023 schlossen sich ihm weitere Franzosen an, darunter ein rechtsextremer Hooligan, der im Verdacht steht, an einem Angriff auf einen parlamentarischen Mitarbeiter der linken Partei La France insoumise beteiligt gewesen zu sein, sowie ein ehemaliger Aktivist der rechtsextremen Studentenorganisation Groupe Union Défense (GUD) mit Vergangenheit in der Fremdenlegion.
Die Präsenz französischer Neonazis auf ukrainischer Seite nicht neu, habe sich aber im Jahr 2025 deutlich verstärkt, berichtet Streetpress. Die Gruppe sei inzwischen so weit gewachsen, dass sie eine eigene Einheit gebildet habe. Diese trat zunächst unter dem Namen "War Agressive" auf, später unter der Bezeichnung "Légion pirates". Die Einheit soll dem ukrainischen Bataillon "Revanche" angegliedert sein, das Verbindungen zur ultranationalistischen orthodoxen Partei "Tradition und Ordnung" habe.
Durch ihre Organisation vor Ort fungiere die Gruppe zugleich als Rekrutierungsnetzwerk. In sozialen Medien hätten Mitglieder der "Légion pirates" in den vergangenen Monaten wiederholt zu Bewerbungen aufgerufen. Nach außen gebe sich die Einheit als Teil des ukrainischen Militärgeheimdienstes GUR aus und stelle sich als Spezialeinheit dar. Tatsächlich sei unklar, welche Rolle sie real spiele; nach eigenen Angaben der Kämpfer beschränkten sich ihre Einsätze vor allem auf Aufklärungsmissionen.
Unter den neu angeworbenen Kämpfern befinden sich laut Streetpress mehrere ehemalige Angehörige der französischen Streitkräfte, darunter ein früherer Fallschirmjäger der Fremdenlegion. Hinzu kommen bekennende Neonazis, die offen mit SS-Emblemen und Hakenkreuzen auftreten. Einige vereinen beide Profile: Einer der Kämpfer nennt sich "Charlemagne" - eine Anspielung auf die gleichnamige französische Waffen-SS-Division im Zweiten Weltkrieg - und war zuvor beim 13. Gebirgsjägerbataillon der französischen Armee. Seit seiner Ankunft in der Ukraine im Sommer 2025 trägt er ein Hakenkreuz-Tattoo auf der Brust. Ein weiterer Kämpfer, der unter dem Namen "Roque" auftritt, diente ebenfalls in der Fremdenlegion und ist mit NS-Symbolen auf Uniform und Ausrüstung zu sehen.
Das französische Verteidigungsministerium wollte sich zu einzelnen Personen nicht äußern, bestätigte jedoch, dass die genannten Männer nicht mehr im Dienst der französischen Armee stehen.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Streetpress dem Profil eines weiteren Kämpfers mit dem Kampfnamen "Malo". Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Aktivisten der extremen Rechten, der 2021 wegen seiner Beteiligung an Gewalttaten am Rande einer Wahlkampfveranstaltung des damaligen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour verurteilt worden war. Bei einer Hausdurchsuchung hatten Ermittler bereits damals eine Fahne mit Bezug zur ukrainischen extremen Rechten sichergestellt. Nach Stationen bei den Gruppen Zouaves Paris und GUD reiste er im Sommer 2025 in die Ukraine, um sich der "Légion pirates" anzuschließen. Dem Portal Streetpress erklärte er, er sei "stolz, die Interessen des ukrainischen Volkes zu verteidigen und gegen den Kommunismus im Osten zu kämpfen".
Die französischen Sicherheitsbehörden verfolgen diese Entwicklungen mit wachsender Sorge. Das Innenministerium erklärte, man widme den betreffenden Personen "besondere Aufmerksamkeit", da sie bei einer Rückkehr nach Frankreich aufgrund ihrer Kampferfahrung eine Gefahr für die innere Sicherheit darstellen könnten. Bereits kurz nach Beginn des russischen auf die Ukraine hatte das Investigativmedium Mediapart über entsprechende Befürchtungen berichtet und Parallelen zur Rückkehr jihadistischer Kämpfer aus dem Syrienkrieg gezogen. Damals zählten die Behörden rund 150 französische Staatsbürger in der Ukraine, darunter etwa 30 aus dem Milieu der extremen Rechten. Im April 2023 wurden zwei französische Neonazis bei ihrer Rückkehr aus der Ukraine festgenommen - sie hatten Magazine für Sturmgewehre und militärische Zieloptiken bei sich. Nach kurzer Haft reisten beide erneut an die Front.
Besonders alarmierend sind Inhalte aus sozialen Netzwerken, in denen einzelne Kämpfer Gewaltfantasien gegen linke Parteien und antifaschistische Akteure äußern. So veröffentlichte ein Mitglied der Gruppe aus der Ukraine Fotos von Schießübungen, bei denen Zielscheiben mit den Kürzeln linker Parteien sowie dem Namen des 2013 von einem Rechtsextremisten getöteten Antifaschisten Clément Méric versehen waren.
Neben der "Légion pirates" existiert den Recherchen zufolge eine weitere, kleinere Gruppe französischer Neonazis in der Ukraine, die sich "Légion des volontaires français" nennt - in Anlehnung an die gleichnamige Kollaborationseinheit, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Wehrmacht kämpfte. Auch dort sollen ehemalige französische Soldaten aktiv sein. Im Sommer 2025 kam demnach ein Mitglied dieser Gruppe ums Leben, das unter dem Kampfnamen "Kapo" auftrat - ein weiterer Begriff aus dem System der nationalsozialistischen Konzentrationslager.