Ex-Bundespolizist "Dann haben wir einen Bürgerkrieg in deutschen Großstädten"

Von
Sebastian Beug
Redakteur Nachrichten & Gesellschaft

Veröffentlicht am 19.08.2026 Lesedauer: 9 Minuten

Seit 2015 habe sich de facto nichts geändert: Jan Solwyn, Sicherheitsanalyst und ehemaliger Bundespolizist, warnt davor, dass Europa an der Migration zerbricht. Eine Entscheidung der Bundesregierung könnte Deutschland noch auf die Füße fallen.

Polizeieinsatz in Nordrhein-Westfalen, hier in Herford
Quelle: Noah Wedel/picture alliance

Der ehemalige Bundespolizist Jan Solwyn weiß, wie Europa an den Fronten der Migrationskrise aussieht: Er stellte Drogendealer an Bahnhöfen, patrouillierte an Flughäfen und war im Rahmen einer Frontex-Mission auf der griechischen Insel Lesbos stationiert. Vor zwei Jahren kündigte Solwyn nach 15 Jahren seinen Job bei der Bundespolizei und wanderte mit seiner Partnerin, einer Israelin, nach Tel Aviv aus. Inzwischen arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für National Security Studies, einem Forschungsinstitut der Universität Tel Aviv, das sich Fragen der nationalen Sicherheit widmet.

WELT: Herr Solwyn, was haben Sie gedacht, als Sie die Bilder aus Ceuta gesehen haben?

Jan Solwyn: Mein erster Gedanke war: Das ist eigentlich ein historischer Witz. Der Ansturm ereignet sich nur wenige Wochen nach Inkrafttreten des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) Anfang Juni. Zwei Jahre lang haben europäische und nationale Politiker gesagt: Mit Geas ist die Asylkrise gelöst. Nun wurde deutlich: Eigentlich ist alles wie vorher.

WELT: Und Ihr zweiter Gedanke?

Solwyn: 2016 war ich im Rahmen einer Frontex-Mission auf der griechischen Insel Lesbos im Einsatz. Ich dachte sofort: Wer in Ceuta bleibt, wird langfristig auf das spanische Festland weiterziehen. Genau das habe ich damals auch auf den griechischen Inseln erlebt. Für mich ist das ein Beleg dafür, dass sich strukturell in zehn Jahren nichts geändert hat.

Ex-Bundespolizist Jan Solwyn arbeitet inzwischen als Sicherheitsberater in Israel
Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT

WELT: Sie haben ein Buch geschrieben: "Europa zerbricht an seinen Grenzen". Inwiefern?

Solwyn: Die europäischen Grenzen sind politisch und gesellschaftlich zu einer Bruchstelle geworden. Als Reaktion auf die Ceuta-Krise hat Italien angekündigt, das Schengen-Abkommen mit Spanien auszusetzen. Die Ankündigung war vor allem ein politisches Signal der Meloni-Regierung an die Regierung Sánchez. Am Ende wurden lediglich die Kontrollen auf Flügen aus Spanien verschärft. Aber wir sehen, wie die illegale Migration das Potenzial hat, die EU zu zerstören.

WELT: Und gesellschaftlich?

Solwyn: Gesellschaftlich fällt Europa in die Extreme auseinander: Die einen wollen allen helfen, die anderen betrachten nahezu jeden Migranten als Gefahr. Der Aufstieg der AfD wäre ohne die Migrationskrise kaum denkbar gewesen. Heute werden sogar Begriffe wie Befehlsverweigerung oder innerer Notstand im Falle einer AfD-Regierung diskutiert. Für mich hängt das unmittelbar mit der Migrationspolitik des vergangenen Jahrzehnts zusammen.

WELT: In Ihrem Buch zeigen Sie auf, wo die Migrations- und Asylpolitik nicht mehr funktioniert. Lassen Sie uns auf die einzelnen Punkte blicken. War Schengen und die Aufgabe der nationalen Grenzen ein Fehler?

Solwyn: Es war eine Illusion, getragen von Francis Fukuyamas Idee des Endes der Geschichte. Der Westen hatte gesiegt, von nun an würde Europa nur noch enger zusammenwachsen. Bei der Bundespolizei hat man schon vor 2015 gesehen, dass Schengen nicht funktioniert. 2011 und 2013 drohte Italien Deutschland, illegal per Boot angereiste Migranten mit legalen Aufenthaltstiteln ausgestattet nach Norden weiterzuleiten. Die Bundespolizei kann diese Personen wegen der Reisefreiheit im Schengenraum nicht aufhalten. Schengen lässt sich ganz einfach aushebeln.

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WELT: Mit Schengen ist auch das sogenannte Dublin-Verfahren gescheitert, das die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten in Asylverfahren - in der Regel der Ankunftsstaat - festschreibt. Sie haben recherchiert, dass innerhalb eines Jahrzehnts von 2015 bis 2025 das Bamf 594.000 Anträge zur Übernahme von Migranten an andere EU-Staaten stellte. Überstellt wurden nur 58.300 Migranten - also nur jeder zehnte.

Solwyn: Dublin ist gescheitert, vor allem, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein größerer Teil dieser Personen wieder nach Deutschland reist. Als Bundespolizist am Flughafen Köln/Bonn habe ich einmal einen Sudanesen angetroffen, der laut System fünfmal in das zuständige Land Italien überstellt worden war und wieder nach Deutschland reiste. Jedes Mal durchlief er erneut alle Schritte im Asylsystem. Das ist absurd.

WELT: Wer im jetzigen System abgelehnt wird, bleibt de facto in Europa, weil nur ein Bruchteil der Ausreisepflichtigen zurückgeführt wird. Auch sind bisher kaum Syrer trotz des Kriegsendes zurückgekehrt.

Solwyn: Der ursprüngliche Gedanke des Asyls ist verloren gegangen. Es geht darum, Menschen Schutz zu gewähren, temporär und vorübergehend, bis eine drohende Gefahr vorbei ist. Und danach muss die Person ausreisen. Das wird nicht mehr umgesetzt. Ständig wird von Integration gesprochen. Integration ist Menschen vorbehalten, die legal zu Erwerbszwecken nach Deutschland kommen. Das Asylsystem ist in Wahrheit ein dysfunktionales Einwanderungssystem.

WELT: Wie erfolgreich ist in Ihren Augen die Migrationswende von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt?

Solwyn: Eine echte Migrationswende heißt: Mehr ausreisepflichtige Menschen verlassen das Land, als neue unerlaubte Einreisen erfolgen. Das war bisher noch nie der Fall. Die Zahl der Anträge auf Asyl geht zurück, weil die Lage in Syrien, Nordafrika und Subsahara-Afrika relativ ruhig ist. Wenn sich eine Karawane aus dem Sudan auf den Weg macht, wird sich 2015 wiederholen. Der Sudan ist ein Schlachthaus, das Szenario halte ich nicht für ausgeschlossen. Die Menschen werden nach Deutschland wollen und das Asylsystem ist so dysfunktional wie zuvor.

WELT: Was bringen Zurückweisungen an den deutschen Grenzen, die seit Mai 2025 auch bei einem Asylgesuch möglich sind?

Solwyn: Zurückweisungen sind Quatsch. Damit täuscht die Regierung Handlungsfähigkeit vor. Bereitschaftspolizisten schlagen sich Tage und Nächte um die Ohren, um Menschen zu sagen: Du darfst nicht rein. Sie gehen dann zwei Kilometer weiter über die grüne Grenze. Das Fatale ist: Deutschland hat mit der Ausrufung einer nationalen Notlage einen Präzedenzfall geschaffen. Sollten plötzlich 100.000 Migranten mit Booten nach Spanien, Italien oder Griechenland übersetzen, werden sich die Regierungen ebenfalls darauf berufen. Und die Migranten ohne Registrierung nach Norden weiterleiten. Was Dobrindt gemacht hat, wird uns böse auf die Füße fallen.

WELT: Sie sagen, auch das von der Bundesregierung vorangetriebene Europäische Asylsystem Geas, mit dem Kontrollen, Zuständigkeiten und Rückführungen für illegale Migranten neu geregelt werden, wird scheitern.

Solwyn: Es reicht eine einfache Frage: Wir hatten bereits ein gemeinsames europäisches Asylsystem, nämlich das Dublin-System. Nach der Dublin-III-Verordnung waren insbesondere die Staaten an den EU-Außengrenzen verpflichtet, Migranten zu registrieren und Asylanträge zu bearbeiten. Warum sollten jene Staaten, die sich an Dublin III faktisch nicht gehalten haben, sich nun plötzlich an Geas halten?

WELT: Das Innenministerium verhandelt für Abschiebungen sogar indirekt mit den Taliban in Afghanistan. Wie empfinden Sie das als ehemaliger Bundespolizist?

Solwyn: Ich empfinde das als Grabschändung für alle Polizisten und Soldaten, die im Afghanistan-Einsatz umgekommen sind. Viele Kollegen sind körperlich oder psychisch schwer verwundet zurückgekehrt. Weil es eine praktische Lösung ist, überweist Deutschland denjenigen, die ihnen das angetan haben, Steuergeld, um die eigenen Landsleute zurückzunehmen. Das macht mich wütend.

WELT: Wie sollten ausreisepflichtige Afghanen und insbesondere Straftäter stattdessen repatriiert werden?

Solwyn: Mir ist bewusst, dass das ein Dilemma ist. Wir brauchen kreative Lösungen - und wenn es so weit geht, Straftäter mit der Bundeswehr auszufliegen und in einem Nachbarland abzuwerfen. Zumindest würde ich dafür plädieren, ausreisepflichtige Straftäter auch nach der Verbüßung ihrer Strafe weiter in Haft zu nehmen. Sie haben immer die Möglichkeit, in ihre Heimat zurückzukehren. Aber die einzige Zukunft in Deutschland bis zum Ende des Lebens ist in Haft. Dass ausreisepflichtige Straftäter noch frei herumlaufen, ist ein Schlag in die Magengrube der Opfer.

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WELT: Ist eine echte Migrationswende überhaupt möglich?

Solwyn: Angenommen, wir setzen geltendes Recht durch: In Deutschland sind zwischen 200.000 und 300.000 Menschen ausreisepflichtig. Es handelt sich nicht um Flüchtlinge oder politisch Verfolgte, sondern um Menschen, die illegal eingereist sind, keinen Fluchtgrund vorbringen konnten und sich weigern, zu gehen. Wir haben in Deutschland mittlerweile stark migrantisch geprägte Viertel. Ich habe in meiner Jugend viel Zeit in der Dortmunder Nordstadt verbracht, der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund beträgt inzwischen mehr als 80 Prozent. Der Rechtsstaat befindet sich dort bereits auf dem Rückzug.

WELT: Was lässt sich dagegen tun?

Solwyn: Sie müssten vielen Menschen in solchen Stadtteilen die Sozialleistungen streichen und unter Haftandrohung zur Ausreise auffordern. Und sie haben es nicht nur mit den betroffenen Menschen zu tun, die alles versuchen würden, um in Deutschland zu bleiben. Sondern auch mit sehr gut organisierten NGOs und Privatpersonen, die sich Straßenschlachten mit der Bereitschaftspolizei liefern würden. Wir haben gesehen, was in den USA passiert ist, als ICE angefangen hat, illegalen Migranten habhaft zu werden. Dann haben wir einen Bürgerkrieg in deutschen Großstädten.

WELT: Was passiert mit den Ausreisepflichtigen?

Solwyn: Spanien ermöglicht mit einem neuen Gesetz fast einer Million illegaler Migranten, einen legalen Status zu erhalten. Das, was Spanien auf einen Schlag gemacht hat, macht Deutschland stückchenweise. Jeden Monat wechseln ausreisepflichtige und abgelehnte Asylbewerber in den Status der Duldung, also einer Aussetzung der Abschiebung. Dann vielleicht in einen Schutzstatus, mit dem sie formal legalisiert werden. Am Ende vielleicht sogar in die deutsche Staatsbürgerschaft. Anders ist es nicht zu erklären, warum jedes Jahr Hunderttausende neue Asylbewerbungen eingehen, die Zahl der Ausreisepflichtigen aber konstant bleibt.

Das würde sich wahrscheinlich kein Politiker in Madrid, Rom oder Athen trauen
Jan Solwyn, Ex-Bundespolizist

WELT: Die Lösung für die Krise zu haben, ist vermessen, aber was würden Sie nach Ihren Erfahrungen und Ihrer Expertise in dem Thema ändern?

Solwyn: Im Sinne einer gesamteuropäischen Lösung dürften Asylanträge nur noch an den EU-Außengrenzen gestellt und dort abschließend bearbeitet werden. Der Grenzschutz und das Asylverfahren müssten in den Händen europäischer Behörden liegen. Natürlich müsste das rechtsstaatlich erfolgen, nach EU-weit einheitlichen Schutztiteln, einschließlich eines geordneten Klageverfahrens vor Ort. Für abgelehnte Asylbewerber bräuchte es auch Hafteinrichtungen an der Grenze. Menschen mit anerkanntem Schutzstatus würden dann auf die Mitgliedstaaten verteilt.

WELT: Warum geschieht das nicht längst?

Solwyn: Diese Lösung wäre das Ende des nationalen Grenzschutzes. Wahrscheinlich würde sich das kein Politiker in Madrid, Rom oder Athen trauen. Aber echter Grenzschutz kann nur funktionieren, wenn er zentral auf europäischer Ebene geregelt wird.

WELT: Gibt es auch einfachere Maßnahmen?

Solwyn: Wir hatten in Deutschland bis 2015 eine Wohnsitzauflage für anerkannte Asylbewerber. Ihr Aufenthalt war auf einen Landkreis oder eine Stadt begrenzt. Nun werden gerade junge Männer oft irgendwo aufgegriffen, wo sie eigentlich nichts zu tun haben oder sich dem Zugriff der zuständigen Landesbehörden entziehen. Es wäre ein Leichtes, die Wohnsitzauflage wieder einzuführen. Auch ein Urlaub im Herkunftsland könnte ohne Probleme zu einer Beendigung des Schutzstatus führen.

WELT: Was ist die Alternative, wenn es nicht gelingt, Europas Außengrenzen zu schützen und regelmäßige Erstürmungen wie in Ceuta zu verhindern?

Solwyn: Ich habe an den Frontlinien der Migrationskrise - sowohl an den Außengrenzen als auch in Deutschlands Städten - gesehen, wie das Problem nicht gelöst wird. Die EU kann unter diesen Bedingungen nicht auf Dauer existieren. Die ungelöste Migrationskrise ist der sichere Weg zurück zu den Nationalstaaten. Das ist aber der Weg in eine Zersplitterung des Kontinents, der dann zwangsläufig zum Spielball äußerer Mächte wird.


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