Erweiterungsillusion EU startet Beitrittsgespräche mit der Ukraine - doch hinter dem Schritt steckt ein großes Problem

Harald Neuber

13.06.2026, 06:31 Uhr 7 Min

EU startet Beitrittsgespräche mit der Ukraine. Doch der historische Schritt verschleiert ein gefährliches Problem. Was steckt hinter Europas riskanter Strategie?

Hat die Ukraine hier Platz? Und wenn ja, welchen?
© Michael Kappeler/dpa

Es soll ein historischer Moment werden, wenn sich am Montag in Luxemburg die Delegationen der 27 EU-Staaten mit denen aus Kiew und Chisinau an den Tisch setzen. Alle 27 Mitgliedstaaten haben sich am 12. Juni 2026 darauf geeinigt, mit der Ukraine und Moldau den ersten Beitrittscluster zu öffnen; die formale Regierungskonferenz ist für den 15. Juni 2026 in Luxemburg vorgesehen. Geöffnet wird der Cluster "Fundamentals" - Rechtsstaatlichkeit, demokratische Institutionen, Justiz, öffentliche Verwaltung. Es ist, in der Sprache der Brüsseler Diplomatie, "das Rückgrat des Beitrittsprozesses".

In der Sprache der politischen Realität ist es etwas anderes: eine Choreografie. Eine Inszenierung von Bewegung, wo Stillstand herrscht. Ein diplomatisches Placebo.

Die symbolische Hülle einer Verhandlung

Die Begeisterung der Brüsseler Spitzen liest sich, als hätten Ursula von der Leyen und António Costa eine Friedensformel gefunden. Sie sprechen vom "Rückgrat des Beitrittsprozesses", von "Anerkennung der Entschlossenheit, des Mutes und der harten Arbeit beider Länder" und davon, dass "eine größere Europäische Union in unserem gemeinsamen Interesse" sei. Wolodymyr Selenskyj nennt die Entscheidung "bedeutende politische und moralische Unterstützung".

Doch wer hinter die Bühnenbeleuchtung schaut, sieht eine andere Kulisse. Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar, der erst vor Wochen das Veto seines Vorgängers Viktor Orbán aufgehoben hat, hat bereits klargestellt: Es wird kein Schnellverfahren geben. Budapest werde ein Referendum abhalten - sollte es Kyjiw gelingen, "alle 33 Beitrittskapitel innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre zu schließen". Ein freundlicher Satz mit einer brutalen Botschaft: Die Tür ist offen, der Weg dahinter ist eine Sackgasse mit Aussicht.

Selbst Brüsseler Diplomaten räumen anonym ein, dass die übrigen fünf Cluster wohl erst gegen Ende 2026 geöffnet würden. Das wäre, gemessen am türkischen Beitrittsprozess, der seit 2005 läuft und faktisch gestorben ist, immer noch optimistisch.

Ein Beitritt im Krieg - illusorisch

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Der eigentliche Skandal dieser Verhandlungen liegt nicht in ihrer Langsamkeit. Er liegt in ihrer Unaufrichtigkeit. Solange russische Truppen rund ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets kontrollieren, solange Moldau mit Transnistrien einen russisch gestützten abtrünnigen Landesteil beherbergt, ist ein Vollbeitritt zur EU eine politische Fiktion. Kein Mitgliedstaat - und schon gar nicht die mit Artikel 42 Absatz 7 EUV verbundene gegenseitige Beistandsklausel - ist bereit, mit der Aufnahme der Ukraine den eigenen Bündnisfall mit Russland faktisch herbeizuführen.

Die Verhandlungen finden also unter einer Bedingung statt, die sie zugleich unmöglich macht. Sie sind das, was in der Diplomatie eine Schimäre heißt: ein Verfahren, das alle Beteiligten mit Ernst behandeln, weil niemand die Alternative auszusprechen wagt.

Die strategische Fehldeutung: Erweiterung als Eindämmung

Hinzu kommt ein zweiter, systematischer Konstruktionsfehler. Die EU-Erweiterung wird in Brüssel, Berlin und Paris zunehmend nicht mehr als Integrationsprojekt verstanden, sondern als geopolitisches Werkzeug gegen Moskau. Wenn Costa und von der Leyen erklären, Erweiterung sei "eine strategische Wahl", die Frieden, Sicherheit und Wohlstand stärke, dann ist das ein Bekenntnis: Die Beitrittsperspektive ist zum Eindämmungsinstrument geworden.

Das ist verständlich - aber strategisch verhängnisvoll. Denn damit wird der Beitrittsprozess in eine Logik gezwungen, die er nicht tragen kann. Eine institutionelle Mitgliedschaft, die mit Rechtsstaat, Justizreform und Agrarregulierung verhandelt wird, soll plötzlich das leisten, wozu sie nie geschaffen wurde: militärische Abschreckung und die Definition einer europäischen Sicherheitsordnung.

Bezeichnend ist die russische Reaktion. Wladimir Putin sagte Anfang Juni, eine assoziierte EU-Mitgliedschaft der Ukraine betreffe Russland "nicht" - wandte sich aber explizit gegen die Verwandlung der EU in einen Militärblock. Parallel berichtete Reuters unter Berufung auf drei russische Quellen, dass Moskau für einen Friedensschluss unter anderem ein schriftliches Stoppsignal für eine weitere Nato-Osterweiterung verlange, also faktisch den Ausschluss einer Nato-Mitgliedschaft für Ukraine, Georgien und Moldau, sowie ukrainische Neutralität, Sanktionslockerungen und Regelungen zu eingefrorenen Vermögenswerten.

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Diese asymmetrische russische Linie - relative Gelassenheit gegenüber EU-Anbindung, harte Konfrontation gegenüber Nato und einer militarisierten EU - wird in Brüssel kaum analytisch aufgegriffen. Stattdessen verschmilzt der Westen die Beitrittsfrage rhetorisch immer stärker mit der Sicherheitsfrage. Genau dadurch verspielt die EU ihren womöglich wichtigsten diplomatischen Hebel: die Möglichkeit, wirtschaftliche und politische Integration vom militärischen Bündnisstatus zu trennen.

Die Nato-Spannung, die niemand auflöst

Wie groß diese Inkonsistenz ist, zeigt die Position der Allianz selbst. Nato-Generalsekretär Mark Rutte sprach bei seinem Kiew-Besuch am 3. Juni 2026 weiter vom "irreversible path" der Ukraine in das Bündnis - räumte aber zugleich ein, dass es derzeit keine Einstimmigkeit für eine volle Mitgliedschaft gebe. Vier Tage später erklärten Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die Ukraine gemeinsam, jede Friedensregelung müsse das Recht der Ukraine wahren, ihre Bündnisse selbst zu wählen.

Das sind aus westlicher Sicht verständliche Positionen. Aber sie beschreiben eine rote Linie, die niemand militärisch durchsetzen will, und ein Versprechen, das niemand einzulösen bereit ist. Der Beitrittsprozess zur EU dient in dieser Konstellation als symbolischer Ersatz: Was die Nato nicht liefern kann, soll die Erweiterung kompensieren.

Was Diplomatie leisten müsste

Wenn die kommenden Jahre keine neue Vorkriegsära werden sollen - also keine Rückkehr in jene Pseudostabilität von 2014 bis 2022, in der eingefrorene Konflikte als Stabilität verkauft wurden - dann braucht es ein anderes Denken.

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Die EU müsste ihre Erweiterungsdoktrin ehrlich machen. Beitrittsverhandlungen sollten wieder das sein, was sie ursprünglich waren: ein langwieriges, technisches, an Reformen gebundenes Verfahren. Sie taugen nicht als Sicherheitsersatz. Wer sie zur Eindämmungspolitik umdeutet, beschädigt beides - die Glaubwürdigkeit der Verfahren und die Substanz der Sicherheitspolitik.

Zudem müsste aufrichtig über Zwischenformate gesprochen werden. Die in Brüssel kursierenden Konzepte - Stufenmodell, "graduelle Integration", Binnenmarkt-plus, das von Friedrich Merz ins Spiel gebrachte und in Brüssel teils skeptisch aufgenommene "assoziierte Mitgliedschaftsmodell" - sind nicht der Verrat an der Ukraine, als der sie oft gebrandmarkt werden. Sie sind, ehrlich gemeint, möglicherweise die einzigen realistischen Pfade, um die Ukraine in das europäische Rechts-, Wirtschafts- und Förderssystem zu integrieren, bevor die letzten Verteidiger einer ungeklärten Frontlinie ihr Leben gelassen haben. Bezeichnend ist, dass die EU-Kommission am 8. Juni 2026 fast 2,8 Milliarden Euro an die Ukraine ausgezahlt hat, gebunden an Reformfortschritte in Justiz, öffentlicher Finanzverwaltung, Märkten, Energie, Landwirtschaft, Digitalisierung und grüner Transformation. Das ist faktische Integration - ohne die Etikette der Mitgliedschaft.

Schließlich - und hier wird es unbequem - muss Europa über eine Sicherheitsarchitektur nachdenken, die Russland nicht als Partner, aber auch nicht ausschließlich als zu eindämmenden Gegner adressiert. Die Lehre aus den 1990er Jahren, in denen Nato-Erweiterung und westliche Selbstvergewisserung Hand in Hand gingen, ohne dass je eine tragfähige paneuropäische Sicherheitsordnung verhandelt wurde, ist nicht, dass die Erweiterung falsch war. Die Lehre ist, dass sie nicht durch ein Mindestmaß an Architektur ergänzt wurde, in der auch das schwierige Russland einen definierten - und kontrollierten - Platz hatte.

Was das konkret heißen kann: verifizierbare Rüstungskontrollregime, vor allem für Mittelstreckenwaffen und Cybersysteme; eine wiederbelebte OSZE mit echten Mechanismen; ein eigenständiges Format für die Ukraine, das militärische Beistandsgarantien einer Koalition williger Staaten bündelt, ohne formale Nato-Mitgliedschaft; eine klare Trennung zwischen wirtschaftlich-politischer EU-Integration und militärischer Bündnisfrage.

Das Risiko des falschen Triumphs

Wenn am Montag in Luxemburg die Delegationen einander die Hände schütteln, wird das in den Hauptstadtmedien als Sieg verkauft werden. Es wird Reden geben, Fotos, Botschaften an Moskau. Aber das gefährlichste Ergebnis dieser Woche wäre, wenn Europa sich seiner eigenen Inszenierung glaubt.

Die Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine und Moldau sind weder ein Friedensplan noch eine Sicherheitsstrategie noch eine realistische Beitrittsperspektive. Sie sind ein Versprechen unter Bedingungen, die das Versprechen unmöglich machen.

Ein wirklicher diplomatischer Entwurf für die Zeit nach diesem Krieg müsste mehr leisten, als der bestehenden Phantomarchitektur ein weiteres Stockwerk aufzusetzen. Er müsste den Mut haben, Integration und Sicherheit getrennt zu denken - und beides ehrlich. Dass derzeit kaum jemand in Brüssel, Berlin oder Paris öffentlich so spricht, ist nicht beruhigend. Es ist das eigentliche Alarmsignal.


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