Ermittler spricht im Clan-Krieg über "mangelnde Schießfertigkeiten": "Purer Zufall, dass noch keine Unbeteiligten getroffen wurden"

Axel Lier

22.08.2026 - 18:25 Uhr

Berlin - In der Hauptstadt fallen immer wieder Schüsse, illegale Waffen fluten die Stadt. Wer eine Pistole braucht, bekommt sie schon für 2000 Euro. Dazu Munition. Verfeindete Clans schießen aufeinander, Drogen-Dealer auf die Konkurrenz, Familienfehden werden mit Schusswaffen ausgetragen. Zuletzt wurden sogar 60 Menschen auf einem Spielplatz beschossen.

Die Polizei sperrt einen Tatort in Berlin-Hellersdorf. Ein Unbekannter hat hier Anfang August auf einen Club und auf einen Friseur geschossen. Zeugen sagen, er habe die Waffe "nicht unter Kontrolle" gehabt
Foto: John Boutin

In einer geheimen Polizei-Analyse, die BILD einsehen konnte, warnen die Ermittler: Die Gefahr für Unbeteiligte wächst! Ein Ermittler des Berliner LKA schlägt Alarm: Es sei "nur dem puren Zufall" oder den "mangelnden Schießfertigkeiten" der Schützen geschuldet, dass trotz der "hohen Anzahl an abgegebenen Schüssen im öffentlichen Raum" noch keine Unbeteiligten getroffen wurden.

Blutiger Clan-Krieg im Graefekiez

Hintergrund der aktuellen Warnung: der Clan-Krieg im berüchtigten Graefekiez in Berlin-Kreuzberg. Dort bekämpfen sich die polizeibekannten Großfamilien Remmo und Wehbe. Der Grund: ein Mord im Jahr 2022. Seit März fallen in dem Konflikt immer wieder Schüsse. Die Bewohner im Graefekiez leben in Angst. Im Juni forderten sie auf einer Anwohnerversammlung: Wir brauchen mehr Polizeischutz!

Das Foto aus einer Ermittlungsakte der Polizei zeigt die berüchtigte Graefekiez-Gang in Polen. Dort übten sie auf einer "Shooting Ranch" den Umgang mit Langwaffen
Foto: privat

Mindestens fünf Kugeln zerstörten den Eingangsbereich eines Frisörs in Berlin-Hellersdorf
Foto: John Boutin

Doch auch die Polizei kann nicht überall sein. Wie gefährlich es für Unbeteiligte sein kann, zeigen mehrere Vorfälle mit illegalen Schusswaffen in Berlin.

Maskierter verliert Magazin während der Tat

9. August, Stendaler Straße in Berlin-Hellersdorf. Ein Maskierter feuerte gegen 5.30 Uhr sechs Schüsse auf einen Friseur und einen Nachtclub ab. Zeugen sagten aus, dass der Täter seine "Waffe nicht unter Kontrolle" gehabt habe. Noch während der Tat soll er das Magazin verloren haben. Verletzt wurde wie durch ein Wunder niemand.

Doch nur 18 Stunden später starb Kamal C. (30) in Berlin-Charlottenburg durch Schüsse - sie fielen direkt vor dem Bahnhof Zoo, den täglich bis zu 100.000 Fahrgäste nutzen. Der Täter ist der Polizei bekannt, aber untergetaucht.

Schüsse auf 60 Personen auf Spielplatz

Dieser Linienbus wurde von einem Schützen getroffen, nur durch Zufall kam keiner der Passagiere zu Schaden
Foto: Axel Billig/Pressefoto Wagner

Hinter dieser Tür in Berlin-Kreuzberg lebten mindestens fünf sogenannte Shooter. Ein SEK stürmte die Einzimmerwohnung während einer Razzia im Juni
Foto: Timo Beurich

25. Mai gegen 21.30 Uhr, die Urbanstraße in Berlin-Kreuzberg. Ein Mann schoss quer über die belebte Hauptstraße auf eine Gruppe von mindestens 60 Personen auf einem Spielplatz - und traf niemanden. Der Täter flüchtete auf einem Motorroller. Seine Verfolger feuerten aus einem Wagen auf ihn. Auch dabei wurde niemand verletzt.

15. Oktober 2025, kurz nach 16 Uhr an der Kreuzung Adalbertstraße/Ecke Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Ein Unbekannter feuerte aus einem Auto gezielt auf eine Personengruppe auf dem Gehweg. Ein voll besetzter Bus der Linie 140 fuhr zufällig am Tatort vorbei und geriet in die Schusslinie. Mehrere Projektile schlugen als Querschläger im Bus ein - ebenfalls durch Zufall wurde kein Passagier verletzt.

Unerfahrene Auftragsschützen sind das Problem

Ein LKA-Beamter zu BILD: "Ein großes Problem sind die unerfahrenen 'Shooter'." Ein Shooter ist eine Person, die gegen Bezahlung den Auftrag übernimmt, auf Menschen oder Objekte zu schießen. Oft junge Männer, ohne Erfahrung im Umgang mit Waffen. Die Shooter kommen gewöhnlich mit dem Flugzeug nach Berlin, die Banden-Chefs nehmen ihnen die Pässe ab. Sie bekommen ein paar Hundert Euro, ziehen den Abzug und tauchen ab, bevor die Polizei überhaupt ihre Identität klären kann.

Den Kampf gegen die Flut an illegalen Waffen haben die Spezialteams "Ferrum" (lateinisch: Eisen) bei der Berliner Polizei und "Telum" (lateinisch: Angriffswaffe) bei der Staatsanwaltschaft aufgenommen. Die Behörden haben allein in der Hauptstadt 600 Ermittlungsverfahren eingeleitet und 68 Haftbefehle erlassen. Mehr als 50 Verdächtige mussten in U-Haft.

Oberstaatsanwalt Thorsten Cloidt, dessen Schwerpunkt die Organisierte Kriminalität (OK) in der Hauptstadt ist, sagt: "Wir versuchen, möglichst viele Leute aus dem Verkehr zu ziehen und in die Strukturen hineinzukommen."


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