Energie "Teuerstes LNG": Experten zerlegen Reiches Gas-Deal mit Kanada

Flynn Jacobs

01.06.2026, 18:10 Uhr, 6 Min

Der Berliner Gasimporteur Sefe sichert sich LNG-Lieferungen aus Kanada ab den 2030er-Jahren. Experten warnen jedoch vor hohen Kosten für Deutschland.

Deutschland wird ab Anfang der 2030er-Jahre jährlich mit einer Million Tonnen LNG aus Kanada beliefert.
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Energieexperten äußern große Bedenken beim neuen LNG-Vertrag zwischen Deutschland und Kanada, den der staatliche Berliner Gasimporteur Sefe (ehemals Gazprom Germania) vereinbart hat. "Kanadisches LNG wird für EU-Kunden zum teuersten LNG werden", betont Ana Maria Jaller-Makarewicz, Energieanalystin am US-Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse, auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Die Produktionskosten für kanadisches und US-amerikanisches Flüssigerdgas seien zwar ähnlich, so Jaller-Makarewicz. Allerdings sei die Transportroute von Westkanada nach Deutschland über den Panamakanal "länger und teurer". Amerikanisches LNG ist laut Auswertungen der Berliner Zeitung bereits doppelt so teuer wie russisches Gas. Neue Lieferungen aus Kanada könnten somit kostspielig für die deutsche Energieversorgung werden.

Wegen Klimaschutz: SPD kritisiert LNG-Deal mit Kanada

Sefe hatte am vergangenen Freitag bekannt gegeben, ab Anfang der 2030er-Jahre jährlich eine Million Tonnen Flüssigerdgas vom kanadischen Unternehmen Ksi Lisims LNG zu beziehen. Die Vereinbarung wurde auch von Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWE) unterzeichnet und gilt über 20 Jahre, steht allerdings noch unter dem Vorbehalt der Finalisierung eines endgültigen Kaufvertrags. "Im Falle eines Vertragsabschlusses wäre dies die erste Partnerschaft von Sefe mit einem kanadischen Flüssigerdgas-Lieferanten", heißt es in der Mitteilung des Unternehmens.

Der Zeitraum der Vereinbarung sorgte teilweise für Irritation, da Deutschland sich bis 2045 der Klimaneutralität verschrieben hat. Auch vom Regierungspartner kam Kritik am LNG-Deal mit Kanada. Die energiepolitische Sprecherin der SPD, Nina Scheer, sagte dem Tagesspiegel, die Absichtserklärung sei mit den gesetzlichen Klimazielen "nicht vereinbar". Entsprechend langfristige Abnahmegarantien seien zugleich "Wettbewerbsverzerrungen zulasten erneuerbarer Energien und schaden damit der heutigen heimischen Wertschöpfung im Ausbau der Erneuerbaren", so Scheer.

Das Wirtschaftsministerium entgegnete, Deutschland stehe zu seinen Klimazielen. Der Staatskonzern Sefe sei aber "ein international agierendes Unternehmen, mit Lieferungen über Europa hinaus". Insofern bestehe zwischen den Klimazielen und dem Liefervertrag "kein Widerspruch". Wirtschaftsministerin Katherina Reiche \(CDU\) ergänzte: "Durch eine engere Zusammenarbeit diversifizieren wir Beschaffungswege und machen unsere Volkswirtschaften widerstandsfähiger gegenüber globalen Risiken."

Expertin warnt: "LNG-Abhängigkeit gefährdet Deutschlands Energiesicherheit"

Aus Sicht von Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD, ist das LNG-Abkommen mit Kanada "nicht vereinbar" mit den Klimazielen Deutschlands bis 2045.
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Auch Experten haben Zweifel am Abkommen mir Kanada. "Unabhängig von der Herkunft gefährdet eine zunehmende Abhängigkeit von LNG-Importen die Energiesicherheit Deutschlands", warnt Ana Maria Jaller-Makarewicz. "Deutschland hat seine LNG-Importe in den letzten Jahren stark erhöht, wodurch seine Anfälligkeit gegenüber Schwankungen auf dem LNG-Markt und geopolitischen Konflikten gestiegen ist." Anstatt die LNG-Versorgung zu diversifizieren, solle Deutschland seine Energiequellen auf sauberere Alternativen umstellen, die von geopolitischen Krisen nicht betroffen seien, so die Expertin.

Wie anfällig der LNG-Markt ist, zeigt die aktuelle Krise im Iran. Seit Beginn des Konflikts hat sich der weltweite Kampf um LNG verschärft. Rund 20 Prozent der globalen Liefermenge fehlen durch die Blockade der Straße von Hormus. Vor allem mit Asien konkurriert Europa seitdem um verbliebene Mengen. Asien ist einer der größten Abnehmer der LNG-Mengen aus dem Nahen Osten und durch den Lieferausfall verstärkt auf kurzfristige Spotlieferungen angewiesen. Dadurch sind Lieferungen nach Asien für Händler derzeit deutlich lukrativer als nach Europa, weil dort mehr Geld bezahlt wird.

In den vergangenen Wochen haben zahlreiche Tanker auf dem Weg nach Europa ihren Kurs geändert und sind stattdessen nach Asien gefahren. "Letztlich fahren LNG- und Öltanker immer dorthin, wo es ökonomisch gerade am sinnvollsten ist", sagte Jakob Schlandt vom Hamburg Institut. Der EU wiederum fehlen diese Mengen. Im Mai gingen die LNG-Importe der EU im zweiten Monat in Folge zurück, die Berliner Zeitung berichtete.

Wie will die EU russisches Gas ab 2027 ersetzen?

Gleichzeitig ist weiterhin offen, wie die EU die russischen Gasmengen ersetzen will, die ab 2027 durch das beschlossene Importverbot fehlen werden. Im ersten Quartal dieses Jahres importierte die EU laut Angaben der US-Energiedenkfabrik IEEFA mit 6,69 Millionen Tonnen Flüssigerdgas so viel LNG aus Russland wie nie zuvor - vor allem aus dem Yamal-Projekt. Im Vergleich zum Vorjahr (5,71 Millionen Tonnen) stiegen die Importe um 17,2 Prozent. Der Druck auf die EU, neue Alternativen zu finden, wächst somit immer mehr.

"Aufgrund der aktuellen Krise im Nahen Osten wäre es schwierig, russisches Gas durch LNG-Importe aus anderen Quellen zu ersetzen", warnte Jaller-Makarewicz bereits im März. "Die LNG-Verflüssigungsanlagen in den USA sind voll ausgelastet, und Katar hat die Produktion eingestellt." Aus ihrer Sicht könnten einige Produzenten in Afrika sowie Länder wie Mexiko, Brasilien oder Australien die LNG-Lieferungen leicht erhöhen. "Dieser Anstieg würde jedoch weniger als zehn Prozent der ausfallenden russischen Gaslieferungen ausmachen", betont die Energieexpertin.

EU-Methanverordnung stellt LNG-Händler vor Probleme

Ab 2027 will die EU den Import von russischem Gas komplett verbieten. Bislang ist unklar, wie diese fehlenden Mengen ersetzt werden sollen.
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Ein weiteres Problem für Deutschland könnte die neue Methanverordnung der EU werden. Ab 2027 sollen LNG-Importeure deutlich strengere Nachweise über Methanemissionen bei Förderung, Transport und Verarbeitung liefern. Der Energiekonzern Uniper betonte, die Unsicherheit rund um die neuen Pflichten beeinflusse bereits heute "kommerzielle Gespräche und langfristige Beschaffungsentscheidungen im globalen LNG-Markt". Zu starre oder unklare Vorgaben könnten "zusätzliche Kosten, Verzögerungen oder Einschränkungen bei LNG-Importen nach Europa verursachen", erklärte eine Sprecherin. Auch Sefe und der Leipziger Gasimporteur VNG sehen internationale LNG-Lieferanten auf die neuen Vorgaben noch nicht ausreichend vorbereitet.

Energie - Neue EU-Methanregeln: Importeur VNG sieht viele LNG-Lieferanten überfordert

Sefes Deal mit Kanada könnte von der EU-Methanverordnung ebenfalls betroffen sein. "Die durch den Import von LNG aus dem Ksi-Lisims-LNG-Projekt verursachten Emissionen könnten erheblich sein", sagt Ana Maria Jaller-Makarewicz. "Das Ksi-Lisims-LNG-Projekt sieht vor, Fracking-Gas zu nutzen, das über die Prince-Rupert-Gas-Transmission-Pipeline aus der Montney-Formation in Alberta und British Columbia transportiert wird." Zudem könne die Durchfahrt durch den Panamakanal die Reise um mehrere Tage verlängern, betont sie, da der Kanal an seiner Kapazitätsgrenze arbeite und wegen schwerer Dürren und El-Niño-Wetterphänomene mit kritischem Wassermangel zu kämpfen habe. "Diese zusätzlichen Tage erhöhen die Emissionen während des Transports", so die Expertin.

Auch der Umweltökonom Manuel Frondel glaubt, dass die verschärften EU-Methanregeln künftige LNG-Importe massiv erschweren - gleich aus welchem Land. Die USA und Katar hätten deshalb bereits "künftige Lieferungen infrage gestellt", sagt der Bereichsleiter für Umwelt und Ressourcen beim Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung auf Anfrage. "Die EU-Kommission sollte die Methanregeln vor diesem Hintergrund überarbeiten", so Frondel. Schließlich seien die USA für die EU der wichtigste Exporteur von LNG.


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