Schulstart Eine Schultüte macht noch keine Bildung - was von der POS hätte bleiben können

Anja Titze

14.08.2026, 19:22 Uhr 7 Min

Ost-West-Unterschiede trafen auch die Schul- und Zuckertüte. Doch die wahren Unterschiede lagen im System dahinter. Was wurde 1990 eigentlich entsorgt?

Start ins Schulleben: Die ABC-Schützen in der DDR feiern 1960 ihren ersten Schultag und werden mit Zuckertüten beschenkt.
© imago stock&people

Der ostdeutsche Leser wird beim Wort Schultüte stutzen. In meinem Wortschatz heißt sie Zuckertüte. Im Osten war sie meist groß und sechseckig, im Westen eher rund und kleiner. Ost-West-Unterschiede beginnen manchmal bei Dingen, die alle kennen und anders erinnern.

1982 stand ich also nicht mit einer Schultüte, sondern mit einer Zuckertüte in der Schule. Wir wohnten damals in Stolpen, einer Burgstadt in Sachsen. Die offizielle Feier fand in einem DDR-Typenschulbau statt: hell, zweckmäßig, Linoleum-Fußboden. Zwischen 1955 und 1990 entstanden rund 2500 Schulen: Bildungsinfrastruktur, keine Privatsache.

Meine Zuckertüte enthielt Stifte, ein paar Süßigkeiten und Spielzeug. Dazu kam ein roter Lederranzen mit Hase und Igel - ein Modell vieler ABC-Schützen dieses Jahrgangs. Individualität war keine Verheißung der Planwirtschaft, Haltbarkeit sehr wohl. Später trugen meine Cousinen ihn weiter.

Beim ersten Schulranzen unseres Kindes war hingegen Beratung nötig: ergonomisch, reflektierend, rückenschonend. Fast 200 Euro kostete der Ranzen - im Angebot. Heute ist ein Ranzen noch teurer: die Stiftung Warentest sah 2026 viele aktuelle Ranzen nahe an der 300-Euro-Marke. Der teure Ranzen macht Bildung nicht besser. Er zeigt, was Schule kostet, bevor der erste Buchstabe geschrieben ist.

privat

zur Person
Geboren 1975 in Großenhain, aufgewachsen in der sächsischen Provinz. Sie studierte u.a. in Dresden und Leipzig Romanistik, Europastudien und Rechtswissenschaften und promovierte im Bereich Rechtsethnologie. Studien- und Forschungsaufenthalte führten sie nach Frankreich und Lateinamerika. Sie lebt und arbeitet in Heidelberg.

Und damit ist es nicht getan. Schon in der Grundschule kamen detaillierte Listen: für jedes Fach eine Farbe, dazu Schnellhefter, Umschlag, Lineatur, Format. In Klasse fünf ging das weiter. Kurz vor Schulbeginn rüstet man ein Büro für eine Expedition aus. Der erste Test findet im Schreibwarenladen statt. Noch bevor ein Kind schreibt, zeigt sich, welches Elternhaus organisieren kann.

Der Schulanfang - in den alten Bundesländern eher Einschulung - war in meiner Kindheit ein großes Familienereignis. Die Verwandtschaft reiste an, und ich spürte die Freude, ABC-Schütze zu sein. Als wir später unsere Kinder in Baden-Württemberg einschulten, war der Stellenwert ein anderer. Ein Großereignis war es nicht - nur wenige Verwandte konnten dabeisein. Und so fielen wir gar nicht auf.

Seit 1959 war die Polytechnische Oberschule, kurz POS, die zehnklassige gemeinsame Schule der DDR. Bei mir kam die Wende nach der achten Klasse dazwischen. Längeres gemeinsames Lernen war für mich keine Reformidee, sondern Normalität.

Die DDR-Schule war nicht frei: politische Loyalität zählte, Fächer waren aufgeladen, Abweichung konnte Folgen haben. Das muss man nicht schönreden. Aber der Westen war deshalb nicht auslesefrei. Er sortierte nur leiser. Nicht die Partei entschied offen, sondern Herkunft, Milieu, Elternwissen, Wohnort und Geldbeutel wirkten mit. Im Osten war Bildung staatlich übergriffig. Im Westen wurde und wird sie sozial vererbt.

Warum musste das System westdeutsch werden?

Nach 1990 wurden in den neuen Bundesländern westdeutsche Schulstrukturen eingeführt. Die DDR-Schule musste ja von Staatsbürgerkunde und Loyalitätsdruck befreit werden. Aber warum musste das ganze System westdeutsch werden? Man hätte Ideologie streichen können, ohne gemeinsames Lernen zu streichen. Nicht jede Struktur war Ideologie.

Man konnte in der DDR von Süd nach Nord umziehen; Lehrplan, Bücher, Struktur waren dieselben. Es gab nicht sechzehn Bildungswelten, durch die sich eine Familie kämpfen musste.

In der Bundesrepublik ist das anders. Bildung ist Ländersache. Wer umzieht, muss passende Schulen finden und Lücken schließen. Meine Nichte zog 2005 von Sachsen nach Bayern: Englisch als erste Fremdsprache, doch an der passenden Schule wurde Latein vorausgesetzt. Der Föderalismus macht aus einem Umzug plötzlich Bildungsroulette.

Selbst das Abitur gilt zwar bundesweit, doch bei knappen Studienplätzen beginnt das Rechnen: Landeslisten, Punktwerte, Quoten. Wer früh nach Leistung sortiert, muss später ausgleichen, dass Leistung nicht überall gleich gemessen wird.

Baden-Württemberg zeigt, wieviel Reformbetrieb möglich ist, ohne die Sortiererei nach Klasse 4 zu beenden. 2004/05 kam G8, also das Abitur nach zwölf Jahren, seit 2025/26 ist nun G9 wieder Regelform: Der Stoff war einfach zu verdichtet, der Druck zu groß, und die Kritik ließ nicht nach. So bekam das Gymnasium die Zeit zurück. Letztlich war es ein Schritt nach vorn und einer zurück.

2012/13 starteten 41 Gemeinschaftsschulen, gedacht für längeres gemeinsames Lernen und Abschlüsse unter einem Dach. Doch das Gymnasium blieb unangetastet. Für viele Eltern war und ist das Gymnasium der Standard, und der Philologenverband kritisierte die neue Schulart von Beginn an scharf. Als Systemwechsel ist sie gescheitert.

Seit 2024/25 gibt es im Ländle Kompass 4, eine verpflichtende Kompetenzmessung in Klasse 4. Die Grundschulempfehlung war lange verbindlich, wurde 2012 unverbindlich und wird nun wieder schärfer gestellt. Wenn Elternwille, Kompetenzmessung und pädagogische Gesamtwürdigung nicht auf einen Nenner kommen, bleibt der zentrale Potenzialtest am Gymnasium. Objektiv betrachtet ist das ein glasklarer Auswahlmechanismus.

Latein erklärt sich nicht von allein

Heidelberg ist Bildungsstadt; in vielen Klassen spürt man große Bücherregale, Titel und Systemkenntnis. Bildungsnähe wirkt hier wie Luft. Aber schon in Mannheim oder Ludwigshafen prägen Industrie, Migration, soziale Ungleichheit und Bildungsferne viele Schulen stärker. Das zeigte 2024 die Gräfenauschule in Ludwigshafen-Hemshof: Bei 37 von 147 Erstklässlern war Wiederholen sinnvoll. Kein Sonderfall: Gegenwart im Brennglas.

Die DDR war sprachlich und sozial viel homogener; eine Einheitsschule ließe sich nicht 1:1 kopieren. Dafür müsste viel investiert werden, um die Heterogenität in den Griff zu bekommen. Aber ein gutes Schulsystem müsste jedem Kind eine Perspektive bieten: stabil, verlässlich, talentfördernd.

Ein Kind kommt nicht nur mit Begabung in die Schule. Es kommt mit einem Elternhaus, Sprache, finanziellen Möglichkeiten und Erwartungen. Deutschland nennt das Leistung. Oft ist es Herkunft mit Notenschlüssel. PISA 2022 zeigte: In Deutschland erklärte der sozioökonomische Status 19 Prozent der Leistungsunterschiede in Mathematik; im OECD-Schnitt waren es 15 Prozent. Herkunft schreibt sichtbar mit.

Sortiert wird auch mit Elternarbeit: Plakate, Buchpräsentationen, Fotos, Vokabeln, Klassenarbeiten. Das Elternhaus ist heimlicher Mitschüler. Es liest Elternbriefe, deutet Empfehlungen, beruhigt vor Tests und weiß, wann Widerspruch nötig ist. Wer das zeitlich, sprachlich oder fachlich nicht leisten kann - Latein erklärt sich nicht von selbst -, landet oft bei der Nachhilfe.

Die Bertelsmann Stiftung beziffert private Nachhilfeausgaben auf 879 Millionen Euro im Jahr. Aus öffentlicher Bildung wird so private Reparaturleistung. Was die Schule nicht schafft, soll das Zuhause richten. Hier war die DDR etwas weiter. Sie hatte einheitliche Lehrpläne, Schulbücher und schriftliche Prüfungsaufgaben - von der Ostsee bis ins Erzgebirge. Kein Bezirk kochte sein eigenes Süppchen.

Die POS hätte Schule machen können. Nicht mit Ideologie, sondern als Struktur: längeres gemeinsames Lernen, gleiche Lehrpläne, vergleichbare Abschlüsse, praktische Fächer. Nach 1990 verschwand auch viel Brauchbares.

Vielleicht liegt darin die ostdeutsche Kränkung: Man trennte nach 1990 nicht sauber zwischen Ideologie und tragfähiger Struktur. Was heute wieder gefordert wird, war als Erfahrung schon da. Es wurde nur mitentsorgt.

Ich denke wieder an meine Zuckertüte in Stolpen, den DDR-Schulbau, den roten Ranzen. Wichtiger als Tüte, Form und Zucker war, was Schule sein sollte: ein Ort, der ein Kind aufnimmt und nicht gleich aussortiert. Eine Schultüte macht noch keine Bildung. Sie zeigt nur, wo Bildung beginnen müsste: in einer Schule, die Unterschiede nicht verwaltet, sondern ausgleicht - statt Kinder früh zu verlieren.


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