"Drogendealer bespuckten mich" Berliner Notfallsanitäter packt über Nacht im Park aus, die für ihn alles veränderte

Ein Rettungswagen im Berliner Stadtgebiet
Imago

Montag, 21.10.2024, 21:38

Nacht für Nacht im Rettungswagen durch den sozialen Brennpunkt. 14 Jahre lang hat ein Berliner Notfallsanitäter das ausgehalten. Doch an einem Punkt wusste er: Ich muss weg hier.

Die Berliner Feuerwehr steckt in der Krise: Die Zahl der Auszubildenden kann die Pensionierungen nicht ausgleichen. Immer weniger junge Menschen interessieren sich für die wichtigsten Berufe bei der Feuerwehr. Über die Gründe berichtet hier anonym ein Berliner Notfallsanitäter.

"Ich war durch mit meinem Job, als ich meine Brennpunkt-Wache in der Innenstadt vor einem Jahr verlassen habe. 14 Jahre lang saß ich im Wechsel auf dem Löschfahrzeug oder als Notfallsanitäter im Rettungswagen.

Ich muss weg hier, habe ich da gewusst

Mein Schlüsselerlebnis war eine Nacht mit Einsätzen im Park. Viel Stress und Polizei, dreimal hintereinander. Drogendealer bespuckten mich. In derselben Nacht wurde ich um vier Uhr morgens in eine Wohnung gerufen.

Da saß ein Mensch mit Kopfschmerzen, doch sofort drängten sich die Bilder von den Dealern auf. Nur weil dieser harmlose Mensch zufällig auch Schwarz war. Ich muss weg hier, habe ich da gewusst. Es ist falsch, einen Patienten vorzuverurteilen.

Immer wieder musste ich Lücken im Personal anderer Berliner Wachen füllen

Ich bekam Wochen vorher Bauchschmerzen, wenn ich für eine Wochenendschicht auf dem Rettungswagen eingeteilt war. Man fährt von einem Betrunkenen zum nächsten von Drogen Intoxikierten oder psychisch Gestörten. Ohne Pausen rauscht man so durch die Nacht. Ganz selten passiert dort mal etwas anderes, etwa ein Notfall wegen eines Herzinfarkts.

Das Löschfahrzeug war eine willkommene Abwechslung, die im Dienstplan zwischen den Kollegen aufgeteilt wurde. Einmal den Kopf frei haben, raus aus diesem Sumpf des Rettungsdienstes.

Doch dazu kam es kaum, weil überall Notfallsanitäter fehlen. Immer wieder musste ich Lücken im Personal anderer Berliner Wachen füllen und zu unbekannten Kollegen in den Wagen steigen. Diese Personalausgleiche sind nachvollziehbar, aber besonders stressig.

Aus einer Studie über Rettungskräfte in London weiß ich, dass man in Brennpunkten nicht länger als fünf Jahre arbeiten sollte, um gesund zu bleiben. Dieses Maß hatte ich weit überschritten. Doch man ließ mich nicht gehen.

Wegen der überlasteten Rettungsstellen fahren wir oft lange Wege durch die Stadt

Nur Versetzen war möglich, von einer Brennpunktwache zur nächsten. Da war mir klar, dass ich einen anderen Weg wählen musste, um wegzukommen. So bin ich zum Ausbilder für Notfallsanitäter geworden.

Ich hatte gehofft, dass sich meine Situation durch die neue Arbeit entschärfen würde. Den Dienst wohnortnah in einem Randbezirk anzutreten, das hilft. Doch es bedeutet auch, dass ich nur noch im Rettungsdienst fahre. Dort hat sich die Lage massiv verschlechtert. Wegen der überlasteten Rettungsstellen fahren wir oft lange Wege durch die Stadt.

Seit der kritischen Situation vor zwei Jahren, in der teilweise kein Rettungswagen mehr zur Verfügung stand, hat sich nur wenig verbessert. Es darf jetzt zum Teil auch minder qualifiziertes Personal in die Rettungswagen gesetzt werden, aber in einer Stadt mit vier Millionen Menschen hat das nur wenig Entlastung gebracht.

Übergriffe auf Hilfskräfte haben massiv zugenommen

Übergriffe auf Hilfskräfte wie mich haben in der letzten Zeit massiv zugenommen, auch von Patienten. Immer wieder komme ich in Situationen, in denen es handgreiflich und gefährlich wird. Erst kürzlich las ich von einem Kollegen, der mit einem Messer angegriffen wurde. Das macht was mit einem.

Erst im letzten Nachtdienst wurde ein Pfleger im Krankenhaus geschlagen. Zufällig kam ich dazu, weil ich einen Patienten abgeben musste. Niemand konnte helfen, also habe ich den Mann überwältigt. Die meisten Angreifer sind von Alkohol oder anderen Drogen belastet. Plötzlich lassen sie Aggressionen an jemandem aus, der ihnen helfen will.

Für Azubis sind solche Attacken schwer zu ertragen. Sie erleben mitunter zum ersten Mal, wie sich Gewalt gegen sie entlädt. Anders als früher nehmen diese jungen Menschen viele Perspektiven jenseits der Berliner Feuerwehr wahr. Sie wissen genau, dass sie wegen des Fachkräftemangels als Notfallsanitäter überall genommen werden. Warum nicht ein paar Jahre in Amerika arbeiten oder in der Schweiz?

Es wird noch ein böses Erwachen geben

Manche hängen noch ein Medizinstudium an. Die Behörde begreift diese Abwanderung erst langsam und reagiert. Vor einigen Tagen hatte ein Azubi seine Prüfung, die er bestand.

Noch am selben Tag sollte er seine Unterschrift unter das Dienstverhältnis als Angestellter im öffentlichen Dienst bei der Feuerwehr leisten. Nur einen Tag später trat er seinen Dienst an.

Wir schaffen es nicht, mit unserer Ausbildungsinitiative die Pensionierungen auszugleichen. In der Umsetzung werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Seit Anfang des Jahres weiß ich, dass meine Arbeit so bald nicht mehr weitergehen wird.

Vermutlich werde ich aufgrund meiner Qualifikationen wieder in die Innenstadt gezwungen. Es wird noch ein böses Erwachen geben."

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Henning Onken.


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