von
Susann Kreutzmann
Redaktorin NZZ Deutschland
25.02.2026, 18.10 Uhr
Imago
Der damals 29 Jahre alte Politiker erzählt vom Besuch einer Realschulklasse in seinem Wahlkreis. Den Besuch einer Klasse voller Mädchen bezeichnet er als einen "der schöneren Termine für einen jungen Abgeordneten", seine Schwärmerei gipfelt in dem Satz: "Sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen." Solche Aussagen sind unangemessen und kritikwürdig.
Natürlich ist es legitim, ein altes Video eines Spitzenkandidaten zu verbreiten. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, sich ein umfassendes Urteil über jeden Politiker zu bilden, der Ministerpräsident werden will. Von besonderem Interesse sind dabei Informationen, die Rückschlüsse auf den Charakter eines möglichen künftigen Amtsträgers zulassen.
Geht es nach einigen Grünen, dann leistet die von ihnen in Umlauf gebrachte Videosequenz genau das. Für sie ist der Ausschnitt ein Beleg für Hagels Sexismus. Die Abgeordnete Mayer verweist in dem auf Tiktok geposteten Video auf ihre "eigenen Erfahrungen mit S**xualisierung als Mädchen", ohne ins Detail zu gehen. Sie wirft Hagel sexualisiertes Verhalten vor und will ihre Wortmeldung als aufklärerischen Appell an junge Frauen verstanden wissen.
Doch dieser Erklärung sollte niemand Glauben schenken. Um den Schutz junger Frauen wird es den Grünen vorrangig kaum gegangen sein. Der Zeitpunkt der Enthüllung lässt vielmehr den Schluss zu, dass es das Ziel war, Manuel Hagel kurz vor der Wahl grösstmöglichen Schaden zuzufügen.
Es ist naiv, zu glauben, die Grünen hätten nicht schon vorher Kenntnis von dem Video gehabt. Außerdem verschweigen sie, dass sich Hagel in dem 30-minütigen Video mit allen möglichen politischen Themen auseinandersetzt und nur wenige Sekunden auf den Schulbesuch eingeht.
Sexismus ist einer der härtesten Vorwürfe, die man einem Politiker machen kann. Egal, ob berechtigt oder nicht - beim Wähler verfangen solche Anschuldigungen, stellen sie doch den Charakter des Kandidaten in Zweifel. Irgendetwas bleibt immer haften.
Und das ist nicht der erste Fall, bei dem die Grünen einem Politiker einen Sexismus-Skandal anzuhängen versuchen. Belästigungsvorwürfe beendeten die Karriere des Grünen-Politikers Stefan Gelbhaar. Später stellte sich heraus, dass die zentralen Vorwürfe von innerparteilichen Konkurrenten erfunden worden waren. Trotzdem verlor er seinen Listenplatz und kam nicht mehr in den Bundestag.
Vollständig aufgearbeitet ist der Skandal bis heute nicht. Auch hier klafften moralischer Anspruch und innerparteilicher Umgang auseinander.
Zuletzt zeigten die Grünen in der Teilzeit-Debatte, dass sie sogar bereit sind, mit falschen Behauptungen Politik zu machen.
In einem Antrag der CDU-Mittelstandsunion wird unter der irreführenden Überschrift "Lifestyle-Teilzeit" die Aufhebung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit für diejenigen gefordert, die keine Betreuungsarbeit zu leisten haben. Menschen, die Kinder oder Pflegebedürftige betreuen, wurden explizit davon ausgenommen. Überwiegend sind das Frauen.
Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Katharina Dröge und Britta Hasselmann, konstruierten daraus einen vermeintlichen Generalangriff der CDU auf Frauen, Familien und Ältere. Beide wussten natürlich, dass in dem Antrag das Gegenteil von dem steht, was sie behaupten. Doch bis zuletzt hielten sie an dieser Verzerrung fest.
Das Verhalten der Grünen verweist auf ein grundsätzliches Problem: Die Grenzen zwischen einem harten Ringen der Parteien und politischer Schlammschlacht verwischen in Deutschland zusehends. Dass ausgerechnet die Grünen tatkräftig dabei mitwirken, ist bemerkenswert.
Die jetzt von den Grünen hervorgekramte Videosequenz zeigt aber auch, wie gläsern Politiker sind. Das Netz vergisst nichts.
Unbedachte Äusserungen, als Flirtversuch interpretierte Aussagen, bierselige Sprüche - solche Peinlichkeiten erzeugen im normalen Leben höchstens ein Stirnrunzeln. Im Wahlkampf aber werden sie zur politischen Munition umfunktioniert und gnadenlos ausgeschlachtet. Wer will unter diesen Bedingungen noch Politiker werden?
Kurzfristig mögen die Grünen mit ihrer Enthüllung darauf spekulieren, die Wahl noch zu drehen, langfristig aber schaffen sie so weder Vertrauen, noch erhöhen sie ihre Glaubwürdigkeit.
In der Aufregung ging fast unter, was der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir zum Video von Hagel zu sagen hatte. "Ich bin mir sicher", sagte er in der Fernsehdebatte zur Wahl, "Herr Hagel würde das heute nicht mehr so formulieren". Özdemir zeigte seiner Parteikollegin, was Anstand heißt.