Frauke Petry
16.05.2026, 06:07 Uhr
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Wer die Köpfe der Kinder formt, formt das Land von morgen. Diese Erkenntnis ist so alt wie die Schule selbst, und ebenso alt ist auch die Versuchung, sie politisch zu missbrauchen. Kaum eine Institution in unserer Geschichte wurde so beharrlich, so systematisch und so wirksam für die Zwecke der jeweiligen Herrscher instrumentalisiert wie die Schule. Es ist Zeit, diese Diagnose ehrlich zu stellen und endlich Konsequenzen zu ziehen.
Beginnen wir bei einem Datum, das heute kaum noch jemand kennt: Oktober 1854. Sechs Jahre zuvor war die deutsche Märzrevolution gescheitert. Bürgertum, Studenten und Lehrer hatten in Frankfurt vergeblich für eine geeinte, freie Nation gestritten. Die preußische Reaktion verstand jedoch sehr wohl, woher der Geist der Revolution gekommen war: aus den Köpfen einer immer besser ausgebildeten, selbstbewussten Generation. Und sie zog Konsequenzen.
Ferdinand Stiehl, Geheimrat im preußischen Kultusministerium, legte 1854 die nach ihm benannten "Regulative" vor. Sie schnitten den Volksschulen die Flügel: Die Lehrerbildung wurde wissenschaftlich verkürzt und auf Bibellektüre, Katechismus und einfaches Rechnen reduziert. Naturwissenschaften, Pädagogik, weiterführende Geschichte waren allesamt verdächtig, weil sie zum eigenständigen Denken hätten anstiften können.
Die Botschaft war eindeutig: Bildung ja, aber bitte nur so viel, dass das Volk nützlich, gehorsam und fromm bleibt. Die Stiehlschen Regulative sind ein Lehrstück. Sie zeigen, wie ein Staat, der um seine Macht fürchtet, instinktiv nach den Schulen greift. Nicht um zu bilden, sondern um zu formen.
Wer dieser Logik konkret zum Opfer fiel, war Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, der bedeutendste deutsche Pestalozzi-Schüler und langjährige Direktor des Berliner Lehrerseminars. Diesterweg, liberaler Demokrat und Anhänger der Märzrevolution, hatte aus den Lehrerseminaren Werkstätten der Mündigkeit gemacht: Er bildete Volksschullehrer dazu aus, ihre Schüler nicht zu Untertanen, sondern zu selbstständig denkenden Bürgern zu erziehen.
Genau das war Geheimrat Stiehl ein Dorn im Auge. Bereits 1850 wurde Diesterweg zwangspensioniert, mit den Regulativen wurden seine pädagogischen Grundsätze dann systematisch aus der preußischen Lehrerbildung getilgt. Sein Satz "Erziehe nicht für, sondern wider die Zeit, wenn die Zeit es nötig hat" musste der preußischen Bürokratie wie eine Kampfansage klingen - und genau das war er auch.
Frauke Petry ist Mitgründerin der AfD und war von 2015 bis 2017 Bundessprecherin der Partei. Nach ihrem Austritt aus der Partei gründete sie die Blaue Partei, die sie 2019 wieder auflöste.
Die promovierte Chemikerin und sechsfache Mutter lebt in Leipzig und hat Anfang 2024 die politische Initiative "Team Freiheit" gestartet.
Ihr Ziel: ein wirtschaftsliberales, staatskritisches Gegengewicht zu den etablierten Parteien.
Achtzig Jahre später eskalierte dieselbe Logik bis zur Karikatur. Die nationalsozialistische Bildungspolitik verwandelte die Schule binnen weniger Jahre in eine Drillanstalt der Rassenideologie. Die Voraussetzungen dafür hatte der Reichskanzler Otto von Bismarck 1872 dadurch geschaffen, dass er die kirchliche Schulaufsicht endgültig abschaffte, um die Reichseinigung gegen Kirche und Zentrumspartei durchzusetzen. Die Zentralmacht erlaubte den Nationalsozialisten, den Schulbetrieb auf den Führer auszurichten.
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Schulbücher wurden umgeschrieben, Lehrpläne diktiert, Lehrer auf den Führer vereidigt. Mathematikaufgaben sollten den "Volkskörper" rechnerisch vom Ballast "erbkranker" Mitbürger befreien - auch im Schulheft. Der Geschichtsunterricht wurde zur Propaganda, der Biologieunterricht zur Rassenkunde, der Deutschunterricht zur völkischen Liturgie.
Das Erschreckende? Es funktionierte! Innerhalb einer einzigen Schülergeneration ließ sich eine Gesellschaft auf eine menschenverachtende Weltanschauung trimmen. Wer das verstanden hat, weiß, welche Macht in einem zentral gesteuerten Schulwesen schlummert.
Nach 1945 wiederholte sich dieses Muster im Osten Deutschlands, wo die SED-Diktatur Bildung als "parteiliche Aufgabe" verstand, die den sozialistischen Menschen formen sollte. Als Provokation galt in den 1960er-Jahren schon eine offensichtlich nicht-sozialistische Blue Jeans, die für einen Schulverweis ausreichen konnte. Das heute gern nostalgisch betrachtete Bildungssystem der DDR bot zweifellos systematisch besseren Unterricht in Naturwissenschaften, doch dieser fand stets im sozialistischen Kontext statt.
Obendrauf gab es Staatsbürgerkunde, Einführung in die sozialistische Produktion und Wehrkundeunterricht. Und es ging auch optisch subtiler: Im Geografie-Lehrbuch zum Beispiel fanden sich für Bulgarien, Rumänien und andere Länder des Warschauer Paktes ausschließlich farbenfrohe Abbildungen im hellen Sommerlicht, während der Kölner Dom und der Pariser Eiffelturm in trübem Grau erschienen. Der staatliche Verlag Volk und Wissen überließ solche Kleinigkeiten nicht dem Zufall.
Eltern, die ihre Kinder vor Indoktrination schützen wollten, mussten ihnen frühzeitig beibringen, dass sie in der Schule nicht frei reden konnten. Lehrer fragten scheinbar beiläufig ab, wie die Fernsehuhr der Hauptnachrichten ausgesehen hatte oder ob man am Sonntag in der Kirche gewesen sei. Gelegentlich übernahmen auch Mitschüler die Denunziantenrollen ihrer in der SED engagierten Eltern. Wer nicht funktionierte, dem wurden Studienplätze verweigert.
Pfarrerskinder waren in der Regel vom Erwerb des Abiturs per se ausgeschlossen. Die Liste ließe sich für einige Zeit fortsetzen. Auch heute erinnern wir Ostdeutschen uns an die Symptome der Unfreiheit. Und genau diese Erinnerung macht hellhörig, wenn wir heute wieder erfahren, wie die Schule schleichend wird, was sie nie wieder hätte werden dürfen: ein Instrument des übergriffigen Staates.
Wer aufmerksam in die Schulbücher unserer Tage schaut, dem fällt auf: Ob saurer Regen oder Hamburg unter Wasser; Leben in der Pandemie, gender identity, modern multiculturalism or the dominance of straight white men; angebliche oder tatsächliche Gefahren für die Demokratie in Form von Populismus, sinkender Wahlbeteiligung und Extremismus und selbst die offene Problematisierung der föderalen Struktur der Bundesrepublik, (die - freilich unerwähnt - aus gutem Grund der sogenannten Ewigkeitsgarantie unterliegt) - all dies findet in aktuellen Lehrbüchern reichlich und unverblümt statt.
Vorbei ist der Anspruch, gesichertes Wissen zu vermitteln oder den Stand der gesellschaftlichen Kontroverse abzubilden. Ohne elterliches Korrektiv erfahren Schüler nicht, dass saurer Regen seit mehr als dreißig Jahren überwunden ist und Hamburg auch zukünftig nicht untergehen wird; dass woke Identitätspolitik gerade für labile Jugendliche eine Gefahr für Leib und Leben darstellt und die wahre Gefahr für unsere demokratische Ordnung eher in der politisch motivierten Einschränkung freier Debattenräume besteht als im sogenannten Populismus.
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Die politischen Bildungsnarrative heißen heute scheinbar harmlos "Bildung für nachhaltige Entwicklung", "Demokratiebildung", "Antidiskriminierungspädagogik". Doch die wohlklingenden Etiketten täuschen. Wer kennt noch den Beutelsbacher Konsens von 1976 - jenes feine pädagogische Übereinkommen, dass kontrovers Diskutiertes auch im Unterricht kontrovers darzustellen sei? Er ist faktisch außer Kraft gesetzt.
Geheimrat Stiehl, der NS-Staat, die SED, der heutige Zeitgeist - sie sind als politische Epochen nicht gleichzusetzen, aber sie folgen demselben strukturellen Reflex: Der Staat, der über die Schule verfügt, missbraucht die Schule früher oder später immer für seine Zwecke. Nicht, weil die Menschen, die ihn lenken, persönlich böse Absichten hätten - sondern weil die Versuchung im System steckt. Wer Lehrpläne genehmigt, Schulbücher zulässt, Lehrer prüft und Kinder beschult, wird die ihm zur Verfügung stehende Macht nutzen und allzu leicht willfährige Helfer auf allen Ebenen des bürokratischen Apparates finden.
Wer aus der Geschichte lernt, zieht den einzigen ehrlichen Schluss: Die Schule muss Politik und Staat in weiten Teilen entzogen werden. Das heißt nicht, dass der Staat keine Verantwortung mehr hätte. Er wird aber auf die Festlegung von Leistungsstandards und ihre Kontrolle beschränkt.
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Konkret könnte das wie folgt aussehen:
Bildungsgutscheine. Jedes Kind erhält ein finanziertes Bildungsbudget, das die Eltern an der Schule ihrer Wahl einlösen - staatlich, privat, konfessionell, frei. Das Geld folgt dem Kind, nicht dem Apparat. Schulen treten in echten Wettbewerb um Qualität, unabhängig von der Wohnadresse.
Ein freier Schulbuchmarkt. Schulbücher müssen sich wieder auf dem Markt bewähren. Qualität entscheidet, nicht das Ministerium.
Vielfältige Schulträgerschaften. Schulen können zukünftig statt vom Staat von Stiftungen, Vereinen, Kirchen, Genossenschaften getragen werden. Hier knüpft eine urdeutsche Tradition an: Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch haben im 19. Jahrhundert vorgeführt, wie sich freie Bürger ohne staatliche Bevormundung in Genossenschaften zusammenschließen, um Banken, Versicherungen und Selbsthilfeeinrichtungen zu schaffen, die bis heute tragen. Was Bauern und Handwerkern damals gelungen ist, sollte heutigen Eltern und Lehrern erst recht möglich sein. Das Land setzt Rahmenstandards, prüft Ergebnisse, mischt sich aber nicht in den Unterricht ein.
Wer dem Staat die Schule lässt, überlässt ihm das nächste Jahrhundert. Unsere eigene Geschichte hat uns wiederholt gezeigt, dass zentralisierte Macht den mündigen Bürger als Bedrohung betrachtet. Bildung ist zu wichtig, um sie der Politik zu überlassen. Sie gehört in die Hände derer, die unmittelbar betroffen sind: Eltern, Lehrer, Schüler, Bürger. Wir haben aus dem 19. und 20. Jahrhundert genug gelernt, um die Lehre für das 21. ziehen zu können. Es wird höchste Zeit.