Kolumne Die Mauer in den Köpfen ist im Westen viel höher als im Osten

Katja Hoyer

08.02.2026, 09:17 Uhr

Auf dem einen Auge blind: Ostdeutschland steht offenbar ganz unten auf der Liste von Friedrich Merz. Das ist machtpolitisch töricht. Und ein moralisches Versagen.

Es war ein Satz, der in mir noch lange nachhallte. "Die bittere Wahrheit ist, dass es Teile gibt in der CDU-Führung und auch im Kanzleramt, die sagen: Das ist doch nur der Osten. Die haben den Osten aufgegeben." So die Journalistin Melanie Amann, die in Regierungskreisen gut vernetzt ist; bis August 2025 war sie stellvertretende Chefredakteurin des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", jetzt ist sie Digital-Chefredakteurin der Funke-Zentralredaktion.

Schriftstellerin und Autorin, Katja Hoyer.
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Sie war neulich im Podcast des Reporters Paul Ronzheimer zu Gast, in dem es eigentlich darum gehen sollte, wo die Prioritäten von Friedrich Merz momentan liegen. Am Ende blieb bei mir vor allem hängen, was offenbar ganz unten auf der Kanzlerliste steht: Ostdeutschland.

Nun könnte man mit den Schultern zucken und akzeptieren, dass die CDU ebenso tief in Westdeutschland verwurzelt ist, dass viele ihrer Vertreter gar nicht anders können, als mit den für sie nach 35 Jahren immer noch "neuen" Bundesländern zu fremdeln.

Selbst Angela Merkel, die fast zwei Jahrzehnte lang an der Spitze der CDU stand, musste sich in einem von der parteinahen Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Aufsatz sagen lassen: "Sie, die als Fünfunddreißigjährige mit dem Ballast ihrer DDR-Biografie in den Wendetagen zur CDU kam, konnte natürlich kein ‚von der Pike auf' sozialisiertes CDU-Gewächs altbundesrepublikanischer Prägung sein."

Und dennoch: Solche Ansichten heute nochmal so klar und unverblümt von einem Insider zu hören, ist starker Tobak. Amann berichtete unter anderem, dass die Bundes-CDU wenig Anstalten mache, sich auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September vorzubereiten.

Melanie Amann: "Alter westdeutschen Überdruss an diesen ostdeutschen Befindlichkeiten"

"Sachsen-Anhalt ist halt das kleine Land, die paar Männekes" - so gab Amann wieder, was ihr "buchstäblich Leute aus dem Kanzleramt gesagt" hätten. Es gäbe einen "alten westdeutschen Überdruss an diesen ostdeutschen Befindlichkeiten und Problemen". Schließlich hätte man der Bevölkerung dort "das ganze Geld gegeben für den Länderfinanzausgleich, und - Undank ist der Welten Lohn - jetzt wählen sie AfD."

Seit Jahren wird gern darüber gesprochen, dass die berühmte "Mauer in den Köpfen" der Ostdeutschen noch existiere. Weniger thematisiert wird, dass diese offenbar auch in den Köpfen westdeutscher Eliten noch steht. Der Osten wird dabei zum homogenen, lästigen Landstrich, der politisch zwar verwaltet, aber nicht mehr ernsthaft umworben werden muss. Dass die CDU während und nach der Wende die zentrale politische Kraft in weiten Teilen des Ostens war und dort bis heute die Mehrheit der Ministerpräsidenten stellt, macht ihn offenbar nicht zur Kernregion.

Auch in Sachsen-Anhalt ist die CDU bis heute - trotz erheblicher Verluste - nach Mitgliedern weiterhin die stärkste Partei. Seit 1990 stellte sie dort mit nur einer SPD-Ausnahme alle Ministerpräsidenten. Im Nachbarland Sachsen regiert die CDU seit der Wiedervereinigung durch. In Thüringen tat sie das bis 2014 und jetzt wieder mit Mario Voigt.

Das sind keine Randnotizen, sondern dreieinhalb Jahrzehnte struktureller politischer Verankerung. Und dennoch galten diese Länder offenbar nie als echtes CDU-Terrain, sondern eher als verlängerte Werkbank: zuverlässig, aber politisch nicht entscheidend. Nun werden sie als "undankbar" gebrandmarkt, weil viele Menschen dort mehr als 35 Jahre nach der Wende nach einer anderen Politik suchen.

Politische Loyalität ist eben kein Naturgesetz, sondern muss immer wieder neu verdient werden. Aber dazu scheint der Ost-CDU der Rückhalt aus dem Kanzleramt zu fehlen. Der Journalist Robin Alexander beschrieb neulich in seinem Podcast "Machtwechsel", wie sehr sich die CDU in Sachsen-Anhalt "alleingelassen" fühle.

Zusammen mit seiner Co-Podcasterin Dagmar Rosenfeld erklärte er, dass der Übergang zwischen dem beliebten CDU-Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und seinem weniger bekannten Nachfolger, dem erst letzte Woche ins Amt gewählten Sven Schulze, viel effektiver hätte gestaltet werden können, wenn man im Kanzleramt nur mehr Zeit für ostdeutsche Belange hätte.

Haseloff war demnach für einen Ministerposten in Merz' Bundeskabinett vorgeschlagen worden - sogar für das wichtige Wirtschafts- und Energieressort. Damit hätte man eine starke, kritische und eindeutig ostdeutsche Stimme ins Herz der Berliner Politik geholt und Schulze wäre in Sachsen-Anhalt quasi automatisch nachgerückt. Merz entschied sich gegen diesen Plan und nahm in Kauf, dass er damit dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt schadete.

Dass man im Kanzleramt auf dem östlichen Auge blind zu sein scheint, hat historische Gründe, hat aber auch mit der weitverbreiteten Erzählung von der AfD als Ost-Phänomen zu tun. Deren Aufstieg gilt vielen deshalb als geografisch begrenzbar. Dabei liegt die AfD in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wo auch bald neue Landtage gewählt werden, in Umfragen bei jeweils 20 und 18 Prozent - Werte, die man im Osten vor einigen Jahren noch mit DDR-Sozialisation, Demokratiedefiziten und biografischen Brüchen zu erklären versuchte.

AfD ist bundesweit mittlerweile die stärkste Partei unter Arbeitern

In Wahrheit hat die CDU ihre Wähler im Osten aus denselben Gründen verloren, aus denen sie auch im Westen wegbröckeln. Die AfD ist zum Beispiel bundesweit mittlerweile die stärkste Partei unter Arbeitern. In Österreich, Frankreich oder Großbritannien begann der Aufstieg von Parteien rechts der etablierten Konservativen ähnlich: zunächst in ländlichen, kleinstädtischen, industriell geprägten Regionen, die man als "abgehängt" belächelte. Man erklärte ihre Wähler für rückständig oder irrational - und war dann überrascht, als sie sich abwandten und das Momentum wuchs.

In allen drei genannten Ländern liegen die Pendants der AfD inzwischen bei rund einem Drittel der Stimmen - mit Abstand vorn. Auch dort dachte man lange, die vermeintlich Unwichtigen zählten politisch nicht. Genau diesen Fehler scheint die CDU zu machen. Statt sich ernsthaft mit den Ursachen der Entfremdung zu beschäftigen, igelt sie sich im alten Westen ein und hofft darauf, dass man nur lange genug durchhalten müsse, bis sich alles wieder einrenkt. Diese Hoffnung ist keine Strategie, sondern Realitätsverweigerung.

Den Osten aufzugeben - oder ihn bereits innerlich abgeschrieben zu haben -, ist nicht nur ein moralisches Versagen gegenüber Millionen Bürgern, sondern auch machtpolitisch töricht. Wer Menschen das Gefühl gibt, dass sie lästig oder unwichtig sind, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie sich anderen Parteien zuwenden.


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