Volker Rekittke
08.10.2026, 21:24 Uhr 10 Min
© Michael Bihlmayer/imago
Im deutschen Gesundheitswesen stehen die Zeichen zunehmend auf Kriegsvorbereitung. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) befragte die niedergelassenen KV-Ärzte per Fragebogen zum ersten Mal überhaupt zur "Krisen- und Katastrophenresilienz" der Praxen - etwa zu "Wissen und Fähigkeiten" im Bereich "Chemische, Biologische, Radiologische und Nukleare Gefahren". Derweil gibt es auch an Kliniken Überlegungen, wieviele Verletzte man im Kriegsfall behandeln kann, ob zur Behandlung auch unterirdische Räume vorgehalten werden sollen - und inwiefern sich die Bundeswehr an der Finanzierung entsprechender Kapazitäten beteiligt.
"Vor dem Hintergrund multipler Krisen und der aktuellen weltpolitischen Lage legen wir in diesem Jahr den Schwerpunkt auf die Krisen- und Katastrophenresilienz der ambulanten Versorgung", heißt es im aktuellen "Zi-Praxis-Panel". Und weiter: "Mit Hilfe der nachfolgenden Fragen soll ein Überblick geschaffen werden, wie Praxen auf mögliche Krisen- und Katastrophensituationen, wie bspw. flächendeckende Ausfälle kritischer Infrastruktur, vorbereitet sind." Die Umfrage lief bis zum 24. Juli 2026. Laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung haben rund 4000 Praxen zum Themenbereich Resilienz Angaben gemacht - was einer Rücklaufquote von etwa sechs Prozent der befragten Arztpraxen entspreche.
Die Fragen haben es in sich. Auskunft erbeten wird etwa darüber, ob analoge Telefone, Notbeheizung oder ein Notstromaggregat vorhanden sind: "Wie lange könnte der Praxisbetrieb bei einem Ausfall der Wärmeversorgung bei winterlichen Wetterbedingungen schätzungsweise aufrechterhalten werden?" Gleiches gilt für den Ausfall der Strom- und Trinkwasserversorgung. Aber auch dies will das Zi von den Kassenärzten wissen: "Wären Sie und ggf. Ihr Praxisteam im akuten Krisen- oder Katastrophenfall darauf vorbereitet bzw. schnell in der Lage, die Patienten/-innen zu bestimmen, die behandelt werden sollen?" Wieviel Prozent der Patienten müssten "auch im Krisen- oder Katastrophenfall zwingend kurzfristig versorgt werden (ggf. in einer anderen Praxis)?" Das heißt im Umkehrschluss: Bei welchen Patienten "kann auf bestimmte Vorsorgetermine oder Check-ups vorläufig verzichtet werden"?
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Laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ist "die Sichtung, auch Triage genannt, [...] ein Instrument, um bei einem Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten möglichst viele Patienten zu retten". Mit eben jenem "Massenanfall von Verletzten" scheint man in Politik und Ärzteschaft zu rechnen. Bei der Umfrage unter Ärzten wird deutlich, dass mit "Krisen- und Katastrophenresilienz" vor allem die Vorbereitung auf einen Krieg in Europa und Deutschland gemeint ist. Neben potenziell vorhandenem ärztlichem "Wissen und Fähigkeiten" in den Bereichen "Hygiene", "Aufbereitung von Medizinprodukten" und "Infektiologie" wird gezielt gefragt nach: "Notfallmedizin", "Unfallchirurgie", "Rekonstruktive Chirurgie", "Verbrennungschirurgie" und "Krisenintervention" - sowie nach "Feldmedizin" und "CBRN-Schutz". Letzteres steht für "Chemische, Biologische, Radiologische und Nukleare Gefahren". Was "Feldmedizin" konkret bedeuten kann, veranschaulicht die Bundeswehr auf ihrer Website unter der Überschrift "Beinamputation unter freiem Himmel - Feldmedizin unter verschärften Bedingungen".
Schließlich wird im aktuellen Zi-Panel gefragt: "Verfügen Sie über besondere Zusatzqualifikationen oder Vorerfahrungen, die im Krisen- oder Katastrophenfall eine Rolle spielen?" Und: "Sind Sie oder Mitarbeitende Ihrer Praxis als Reservist/-in in die Landesverteidigung eingebunden?"
Auf Nachfrage dieser Zeitung schreibt das Zi von einer "Dringlichkeit", die Daten aus den Praxen zu erfassen - und dass es zuvor noch nie eine solche Umfrage unter Deutschlands niedergelassenen Ärzten gegeben habe. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung nahmen Ende 2025 deutschlandweit rund 156.000 Ärztinnen und Ärzte an der vertragsärztlichen Versorgung teil; hinzu kommen rund 36.000 Psychologische Psychotherapeuten. Nicht wenige Ärzte und Psychotherapeuten teilen sich einen Praxissitz.
Derweil fordern die Bezirksärztekammern ihre ärztlichen Mitglieder auf, ihre Meldedaten aktuell zu halten - vor allem die E-Mail-Adresse: "Auch mit Blick auf eventuelle Krisenlagen sowie eine insgesamt veränderte Sicherheits- und Informationslage ist eine schnelle und effiziente Kommunikation zwingend erforderlich", heißt es in einem aktuellen Schreiben der Bezirksärztekammer Südwürttemberg, das dieser Zeitung vorliegt.
In Litauen ist seit 2025 dauerhaft die deutsche Panzerbrigade 45 Litauen stationiert, die bis Ende 2027 eine Truppenstärke von rund 5000 Soldaten erreichen soll. Auftrag der Brigade ist laut Bundeswehr "die Bündnisverteidigung an der Ostflanke der Nato im Baltikum".
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Auch in den Kliniken selbst bereitet man sich auf den militärischen Ernstfall vor. So berichtete der RBB am 11. Juni 2026: "Das Klinikum Ernst von Bergmann (EvB) in Potsdam soll einen Neubau erhalten - und der könnte auch mit finanziellen Mitteln der Bundeswehr zustande kommen." Potsdam liege nach Darstellung der Klinikleitung im Kriegsfall "strategisch günstig, um verletzte Soldaten einer denkbaren Front im Osten zu versorgen". Das habe der EvB-Geschäftsführer Tomislav Gmajnic bei der Vorstellung der aktuellen Pläne berichtet. Dabei war offensichtlich auch die Rede davon, dass bestimmte Flächen in Friedenszeiten anders genutzt werden könnten als in einem möglichen "Kriegsszenario". Der RBB zitiert Klinik-Geschäftsführer Gmajnic: Man könne dann sofort umschalten, um "in der Tiefgarage beispielsweise OP-Flächen zu generieren oder auch nochmal Betten aufzustellen für verletzte Soldaten".
Bereits seit 2024 gibt es den weitgehend geheimen Operationsplan Deutschland. Das ständig weiterentwickelte Strategiepapier ist laut Bundeswehr ein "Schlüsselelement zivil-militärischer Zusammenarbeit" für den Kriegsfall. Hervorgehoben wird die geostrategische Lage Deutschlands "als Drehscheibe der Nato in der Mitte Europas: Im Ernstfall müssen bis zu 800.000 alliierte Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Fahrzeuge innerhalb von sechs Monaten durch Deutschland verlegt und versorgt werden." Damit geraten vor allem östliche Bundesländer wie Brandenburg, die an Staaten der "Nato-Ostflanke" grenzen, ins Visier der Planer einer engeren militärisch-zivilen Zusammenarbeit.
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Auf Nachfrage dieser Zeitung antwortet Tomislav Gmajnic, dass es "derzeit" noch keine Vereinbarungen über eine finanzielle Beteiligung der Bundeswehr am Klinikneubau in Potsdam gebe. Auch seien zusätzliche Betten- oder OP-Kapazitäten für künftige Bundeswehrbelange "derzeit nicht vorgesehen". Und sollen tatsächlich unterirdische Betten- und OP-Kapazitäten geschaffen werden? Auch dazu gebe es derzeit keine konkreten Planungen, so Gmajnic: "Allerdings werden Resilienz-Gesichtspunkte bei unseren Überlegungen berücksichtigt." Dazu zählten etwa eine möglichst ausfallsichere technische Infrastruktur sowie "die Fähigkeit, die medizinische Versorgung auch in außergewöhnlichen Schadens- und Krisenlagen aufrechtzuerhalten", so der EvB-Geschäftsführer: "Dies ist jedoch von Überlegungen zu öffentlichen Schutzräumen oder konkreten militärischen Einsatzszenarien klar zu unterscheiden." Und mit welcher täglichen Anzahl von Verwundeten rechnet das Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann, wenn es tatsächlich zum Krieg käme? Dazu heißt es nur: "Zu hypothetischen Szenarien oder entsprechenden Prognosen können wir keine Aussagen treffen."
Das Ernst-von-Bergmann-Klinikum zeige "die Schieflage dieser Politik" besonders deutlich, so Andreas Kutsche, gesundheitspolitischer Sprecher der BSW-Fraktion im Landtag Brandenburg. Infolge der Krankenhausreform gebe das Klinikum mit Orthopädie und Gefäßchirurgie zwei "Leistungsbereiche" auf; viele Stellen seien davon betroffen. Überall erlebe man, wie im Gesundheitswesen Leistungen abgebaut würden und Kliniken unter "massivem Kostendruck" stünden. "Gleichzeitig stehen Milliarden für Aufrüstung bereit und Krankenhäuser sollen auf den Bündnis- und Verteidigungsfall vorbereitet werden", so Kutsche: "Das ist die völlig falsche Prioritätensetzung." Die BSW-Fraktion im Brandenburger Landtag lehne eine Militarisierung des deutschen Gesundheitswesens ab, so der Parlamentarier: "Krankenhäuser sind in erster Linie für die Versorgung der Bevölkerung da und dürfen nicht schleichend zu einem Teil militärischer Infrastruktur umgebaut werden. 'Resilienz' darf nicht zum Deckmantel werden, unter dem Betten, OP-Kapazitäten, Personal oder Klinikneubauten zunehmend nach militärischen Anforderungen geplant werden." Die BSW-Fraktion fordert "volle Transparenz über sämtliche Planungen, die vollständige Finanzierung möglicher zusätzlicher Aufgaben durch den Bund und eine verbindliche Garantie, dass die zivile Versorgung Vorrang hat".
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Auch in anderen Bundesländern wird die Zusammenarbeit von Kliniken und Bundeswehr intensiviert. So hatten am 6. Mai 2026 der Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr, Generalstabsarzt Hans-Ulrich Holtherm, und der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) in Stuttgart eine Kooperationsvereinbarung für ein Pilotprojekt zur Vorbereitung eines "zivil-militärischen Gesundheitslagebildes" unterzeichnet. Dabei sollen aktuelle Daten über die Auslastung und die Verfügbarkeit von Betten und Behandlungskapazitäten im Land generiert werden. Auf dieser Grundlage soll laut Minister Lucha im Kriegsfall "eine zielgerichtete und effektive Steuerung und Versorgung sowohl für verletzte Soldatinnen und Soldaten als auch für die Zivilbevölkerung erfolgen".
Seit Mai 2026 finanziert das Land Baden-Württemberg 72 Plätze für "erfahrene Klinik-Fachärzte" im Rahmen des Programms "Terror and Disaster Surgical Care" (Chirurgische Versorgung bei Terroranschlägen und Katastrophen), das laut Ministerium "in enger Zusammenarbeit mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr und medizinischen Fachgesellschaften entwickelt wurde". Der ehemalige Ärztliche Direktor des Bundeswehrkrankenhauses in Ulm, Hans-Ulrich Holtherm, war im März 2020 für einen anderen Kampf - den gegen Corona - abgestellt worden und leitete die seinerzeit neu eingerichtete Abteilung "Gesundheitsschutz, Gesundheitssicherheit, Nachhaltigkeit" im Bundesgesundheitsministerium.
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Auf Nachfrage dieser Zeitung will das Universitätsklinikum Tübingen (UKT) zwar ebenfalls keine Prognosen für die Anzahl zu behandelnder Soldaten im Kriegsfall nennen. Allerdings arbeite das UKT "kontinuierlich an der Stärkung seiner Widerstandsfähigkeit, um seinen Betrieb aufrechterhalten zu können", und rechne "mit benötigten Finanzmitteln zur Stärkung der Krisen- und Katastrophenresilienz des UKT". Weitere Angaben könne man aktuell nicht machen. Derzeit wird am Uniklinikum Tübingen für 3,2 Millionen Euro ein 22 Tonnen schwerer Batteriespeicher mit 4,2 Megawatt aufgebaut - offiziell als Zwischenspeicher und "Schlüsselelement für die Energiewende". Doch der Speicher soll zugleich bei Stromausfällen bis zu zwölf Stunden lang "das gesamte Klinikum mit all seinen Gebäuden" versorgen können - zusätzlich zu den bestehenden Dieselgeneratoren. Da der Großspeicher "Teil der kritischen Infrastruktur" sei, so der Ärztliche UKT-Direktor Jens Maschmann, werde er mit einem Zaun geschützt, zudem mit Kameras und von einem Wachdienst kontrolliert.
Laut Ärzteblatt wird für den "Bündnisfall" von bis zu 1000 Verwundeten pro Tag ausgegangen. Angesichts der Liegezeiten in den Krankenhäusern entstehe daraus "allein in den ersten beiden Wochen ein Bedarf von 35.000 Krankenhausbetten".
Quelle: Berliner Zeitung