17.05.2026, 14:53 Uhr 6 Min
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"Der Rammbock des Volkes". So überschreibt die Zeit vom 12. Mai 2026 einen Bericht über eine AfD-Wahlkampfveranstaltung in Sachsen-Anhalt und will dem Leser scheinbar vor allem eines vermitteln: Da kommt etwas Bedrohliches auf die Demokratie zu. Etwas Brachiales.
Geht es nach den Umfragen - 41 Prozent für die AfD bei Infratest dimap, die CDU bei 26, Die Linke bei 12, die SPD bei 7 -, könnte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund tatsächlich Ministerpräsident werden. Alle "demokratischen Parteien", die in den Landtag einziehen würden, kommen derzeit zusammengenommen auf 45 Prozent. Wenige Prozentpunkte Verschiebung am 6. September und die AfD hätte die absolute Mandatsmehrheit.
Die Zeit fährt in ihrem Text auf, was zur bekannten Dramaturgie gehört: Der Landesverband ist vom Landesverfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft, ein ehemaliger Bundestagskandidat musste seine Abiturfälschung vor Gericht mit Kokainsucht begründen, die Vetternwirtschaftsaffäre, die in Magdeburg begann und seit Monaten die Bundespartei beschäftigt. Nur: Gestoppt hat das alles den Aufstieg der AfD nicht. Die Bürger in Sachsen-Anhalt hören die Warnungen und legen sie zu den Akten.
Denn Demokratie ist nicht die Herrschaft der moralisch Vorzertifizierten, sondern die friedliche Konkurrenz um Macht unter Bedingungen gleicher politischer Teilhabe. Wer die Konkurrenz nur akzeptiert, solange das Ergebnis im eigenen Weltbild bleibt, verteidigt nicht die Demokratie. Er verteidigt seinen Besitzstand in ihr. Sachsen-Anhalt stellt die Frage mit brutaler Klarheit: Ist der Wähler souverän oder ist er es nur so lange, wie er die Parteien wählt, die das Machtkartell für ungefährlich hält?
Zur Person
Frank-Christian Hansel, geboren in Wiesbaden, ist Unternehmensberater und seit 2016 Mitglied des Abgeordnetenhauses für die AfD in Berlin. Bis 2021 war Hansel Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus.
Doch der Skandal, um den Medienberichte derzeit kreisen, liegt nicht darin, dass eine Partei regieren will. Das ist in einer parlamentarischen Demokratie der Normalfall. Der eigentliche Skandal liegt in der Nervosität, mit der das politische Establishment reagiert, sobald die vermeintlich falsche Partei den Regierungswechsel realisieren könnte.
Der Begriff "Rammbock", den die Zeit mittels ihrer Überschrift hervorhebt, ist möglicherweise ungewollt präzise. Denn ein Rammbock zerstört keine Demokratie. Er stößt gegen Sperranlagen, die sich zwischen Volkssouveränität und Regierungsbildung geschoben haben, als da sind die Brandmauer im Parteistatut und die Koalitionsverbote in den Parlamenten, dazu eine mediale Kontaktschuld, die wirksam ist, auch wenn sie nur informell bleibt. Und schließlich, immer massiver, der Verfassungsschutz.
Im Grundgesetz steht von alledem nichts. Diese Architektur ist in den letzten zehn, 15 Jahren leise aufgebaut worden und hat sich allmählich zu einer unguten Praxis vermachtet: Wer dazugehört, gilt als regierungsfähig, bevor er regiert. Wer nicht dazugehört, kommt nicht infrage, ohne dass er je in die Nähe der Verantwortung gekommen wäre.
Aufschlussreich ist, dass die Nervosität nicht allein bei den Gegnern der AfD wächst. Die Autoren des Artikels registrieren leise Zweifel auch in Teilen der Berliner Parteiführung. Kommt das alles zu früh? Vielleicht am falschen Ort? Eine politische Kraft, die jahrelang von Ausschluss und Feindmarkierung geprägt wurde, muss jetzt umdenken: in Richtung Personal, Haushalte und Verwaltungsverfahren. Ein erfolgreicher Wahlkampf macht noch keine erfolgreiche Regierung. Hier liegt die eigentliche demokratische Prüfung.
Die Personalfrage zeigt das in besonderer Schärfe. Hans-Thomas Tillschneider wird als möglicher Kopf einer kulturpolitischen Neuordnung genannt; er arbeite an einem Plan für die ersten hundert Tage. Sofort wird mit dem Wort "Umformung" gearbeitet. Dabei ist jede Regierung Umformung. Jede Wahl, die etwas bedeutet, verändert Prioritäten. Kultur, Bildung und Wissenschaft waren jahrzehntelang Hegemonieräume des linksliberalen Milieus. Wird sie demokratisch herausgefordert, wird plötzlich eine Gefahr beschworen.
Noch deutlicher wird das bei Hans-Georg Maaßen, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, der als möglicher Innenminister einer AfD-Regierung in Magdeburg gehandelt wird. Maaßen würde es machen, "wenn es dem Land helfe". Das wäre ein perfekter Clou: Der frühere oberste Verfassungsschützer des Landes könnte das Innenressort einer Partei führen, die selbst noch Beobachtungsobjekt steht. Warum denn nicht?
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Eine Demokratie integriert politische Kräfte nicht dadurch, dass sie sie dauerhaft außerhalb des legitimen Machtbereichs hält. Sie integriert sie, indem sie sie an Verantwortung bindet. Wer ein Innenministerium führt, leitet Behörden und trifft Personalentscheidungen und steht dabei unter einer parlamentarischen Kontrolle, die in diesem Fall besonders engmaschig ausfallen dürfte.
Befürchtet wird übrigens inzwischen nicht mehr das Scheitern der AfD. Scheitert eine AfD-geführte Landesregierung, ließe sich das verwerten. Dann hieße es: Seht her, sie konnten es nicht. Was aber, wenn sie liefert? Daher wird vielmehr auch ihr Gelingen gefürchtet. Wenn die Verwaltung läuft. Wenn die innere Sicherheit besser wird, nicht schlechter. Wenn ideologische Förderstrukturen sachlich überprüft werden. Nicht abgeschafft, sondern auf ihre Begründung hin befragt.
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Wenn Migration begrenzt und Schulen wieder geordnet werden. Und wenn sich am Ende zeigt, dass kulturelle Institutionen Pluralität auch dann aushalten, wenn diese nicht aus ihrem gewohnten Milieu kommt? Dann bricht der zentrale Mythos der alten Parteien zusammen.
Genau deshalb muss man die Deutung der Zeit andersherum interpretieren. Nicht eine mögliche AfD-Regierung ist der eigentliche Angriff auf die Demokratie. Der Angriff beginnt früher, nämlich dort, wo ein Wahlergebnis delegitimiert wird, lange bevor die Stimmen ausgezählt sind, dann, wenn der Wähler nicht mehr als Souverän, sondern als Sicherheitsrisiko behandelt wird. Und am Ende steht die unausgesprochene Annahme, Regierungsbildung sei das Dauerabonnement des politisch-medialen Lagers.
Entscheidend ist: Nicht die AfD muss zeigen, dass Demokratie Machtwechsel zulässt. Das müssen ihre Gegner beweisen. Sachsen-Anhalt könnte der Ort sein, an dem diese Frage erstmals mit voller Wucht gestellt wird.
Der "Rammbock des Volkes" lässt sich auch anders lesen. Er ist nicht Werkzeug der Zerstörung, sondern eines des Eintritts. Was er aufstößt, sind die Tore einer Republik, die ihre eigenen Versprechen und guten Vorsätze vergessen hat. Fallen sie, fällt nicht die Demokratie, sondern die mittlerweile weitverbreitete Annahme, der Wähler dürfe zwar abstimmen, aber bitte auf keinen Fall etwas ändern.