Nothilfe und Resilienz Berechtigte Frage oder "Frechheit"? Warum es richtig war, über Notstromgeräte in Berlin zu berichten

Harald Neuber

12.01.2026, 09:13 Uhr

Frage der Berliner Zeitung löste Sturm der Entrüstung aus. Ex-Vizepräsidentin des Bundestags spricht von "Frechheit". Antworten hat sie nicht. Was, wenn Journalismus zum Tabu wird?

Notstromaggregat in Berlin nach dem Brandanschlag auf die Stromversorgung
IMAGO/Stefan Zeitz Photography

Es war eine einfache Frage, die am 4. Januar 2026 in der Berliner Zeitung gestellt wurde: "Berlin kämpft mit Stromausfall. Über 1.700 Generatoren gingen über das THW bereits in die Ukraine. Fehlen diese Reserven jetzt in der Hauptstadt?" Der Artikel fasste öffentlich zugängliche Informationen zusammen - Pressemitteilungen des Technischen Hilfswerks und des Berliner Netzbetreibers Stromnetz Berlin.

Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung, der mehr über den Zustand des öffentlichen Diskurses aussagt als über den Artikel selbst.

Die Reaktion der Ex-Bundestagsvizepräsidentin

Besonders bemerkenswert war die Reaktion von Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Auf der Plattform X schrieb sie: "Das eine mit dem anderen zusammenzubringen ist eine Frechheit. Das Leid der Menschen in der Ukraine soll schamlos ausgespielt werden, nur um zu spalten und Stimmung zu machen. Eine solche Unverfrorenheit macht mich sprachlos."

Die Wortwahl ist aufschlussreich: "Frechheit", "schamlos", "Unverfrorenheit", "sprachlos". Göring-Eckardt reagierte nicht auf eine Behauptung, sondern auf eine Frage. Nicht auf eine Falschaussage, sondern auf eine recht simple Recherche. Ihr Post ist ein Paradebeispiel für eine politische Haltung, die bestimmte Fragen nicht beantworten, sondern tabuisieren will. Wer fragt, wird nicht widerlegt - er wird moralisch disqualifiziert.

Wenn sich politische Extreme treffen

Ironischerweise verfängt diese Position bei politischen Extremisten. Die erste öffentliche Reaktion auf Göring-Eckardts Post kam von der polizeilich gesuchten Rechtsextremen Marla-Svenja Liebich, die schrieb: "Nein, keine Frechheit, sondern Konsequenz. Es offenbart, wem das Schicksal der Deutschen in diesem Land völlig am Arsch vorbei geht. Der korrupten Junta der Altpartei-Exponenten."

Was bedeutet es, wenn sich der aggressive Post einer zweifachen Bundestagsvizepräsidentin - 2005 bis 2013 sowie erneut von 2021 bis 2025 - gegen eine unbequeme Fragestellung und die Reaktion einer rechtsextremen Person im moralischen Untergrund treffen? Beide instrumentalisieren denselben Artikel - die eine zur moralischen Verurteilung, die andere zur Bestätigung ihrer Weltanschauung. Die Tabuisierung von Fragen nährt genau jene Extreme, die sie zu bekämpfen vorgibt.

THW bestätigt separate Beschaffung - aber NRW-Hilfe kam

Das THW reagierte sachlich. In einer Zuschrift an die Redaktion erklärte eine Sprecherin: Die Generatoren für die Ukraine seien mit Sondermitteln des Auswärtigen Amtes und des Bundesinnenministeriums gesondert beschafft worden. Das THW liefere keine eigene Einsatzausstattung an andere Länder. "Die Einsatzfähigkeit des THW in Deutschland ist jederzeit vollständig gewährleistet."

Wenn das THW Hilfsgüter wie Notstromerzeuger in andere Länder liefert, dann stammen diese nicht aus der Einsatzausstattung des THW, sondern werden eigens für diese Lieferungen beschafft und in Logistikzentren gelagert."

Eine wichtige Klarstellung. Doch die ursprüngliche Frage erhielt durch die Ereignisse der folgenden Tage zusätzliche Brisanz.

Hilfe aus Nordrhein-Westfalen: Die Frage war berechtigt

Denn während die Kritiker noch empört waren, rollten die Notstromaggregate aus dem Westen an. Feuerwehrkräfte aus Mettingen/Recke und Ochtrup brachen am frühen Montagabend (5. Januar 2026) zur Unterstützung nach Berlin auf. Sie waren Teil der vom Land Nordrhein-Westfalen zugesagten Hilfe nach dem großflächigen Stromausfall in der Bundeshauptstadt.

Der Einsatz aller nordrhein-westfälischen Einsatzkräfte wurde zentral durch das Institut der Feuerwehr NRW in Münster koordiniert. Insgesamt entsandte das Land am Montagnachmittag fünf von insgesamt 25 landesweit vorgehaltenen Modulen dieser Art in Richtung Bundeshauptstadt.

Berlin kämpft mit Stromausfall. Über 1.700 Generatoren gingen über das THW bereits in die Ukraine. Fehlen diese Reserven jetzt in der Hauptstadt?
Von Harald Neuber
04.01.2026

Über die Bezirksregierung Düsseldorf wurde am späten Abend auch die Feuerwehr Mönchengladbach informiert, dass das dortige Energiemodul zur Unterstützung bei dem Stromausfall in Berlin benötigt wurde. Innerhalb kürzester Zeit fanden sich 6 Einsatzkräfte und machten sich gegen 02:00 Uhr auf den Weg nach Berlin.

Soldaten des Logistikbataillons 172 aus Beelitz betankten seit dem 5. Januar 2026 Fahrzeuge von THW und Feuerwehr, die den Kraftstoff weiter verteilten. Insgesamt waren mehr als 971 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer des THW aus 34 Ortsverbänden im Einsatz.

Die Dimension der überregionalen Hilfe zeigt: Die im Artikel aufgeworfene Frage, ob Berlin genügend eigene Reserven hat, kann mithin bejaht werden. Die Hauptstadt war auf massive externe Unterstützung angewiesen - aus NRW, von der Bundeswehr, aus dem gesamten Bundesgebiet.

Leser reagieren - auf beiden Seiten

Der Artikel wurde bis heute knapp 200.000 Mal gelesen. Überdurchschnittlich viele Leser schlossen aufgrund des Berichts ein Abonnement der Berliner Zeitung ab. Zwei Leser schrieben von "unterstem BILD-Niveau" und "Hetze".

Doch die Frage bleibt: Ist es Hetze, öffentlich zugängliche Informationen zusammenzufassen und eine Frage zu stellen? Oder ist es vielmehr Aufgabe des Journalismus, genau solche Fragen zu stellen - auch wenn sie unbequem sind?

Transparenz statt Tabuisierung

Die Berliner Zeitung wird das Thema weiter offensiv und transparent behandeln. Nicht weil wir "Stimmung machen" wollen, wie Frau Göring-Eckardt unterstellt, sondern weil es unsere Aufgabe ist. Die Frage nach der Resilienz kritischer Infrastruktur ist keine Frechheit. Sie ist eine Notwendigkeit.

Die Stromversorgung, die durch einen Brandanschlag am 3. Januar 2026 in Teilen von Steglitz und Zehlendorf unterbrochen wurde, ist inzwischen wiederhergestellt. Aber die Frage, wie gut Deutschland auf solche Szenarien vorbereitet ist, bleibt - ob es manchen passt oder nicht.

Die Berliner Zeitung dankt allen Lesern für die rege Beteiligung an der Debatte - auch jenen, die kritisch waren.


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