PR-Debakel Autogrammkarte für krebskranke Frau: Friedrich Merz und die Kunst der herzlosen Geste

Florian Warweg

10.06.2026, 16:22 Uhr 5 Min

Hautkrebs-Patientin Silvia Dronsch wollte eine Entschuldigung von Friedrich Merz. Bekommen hat sie jetzt eine signierte Autogrammkarte mit der Widmung "Alles Gute". Ein Kommentar.

Friedrich Merz: Der unempathischste Kanzler in der Geschichte der BRD?
© Bernd Elmenthaler/ESDES.Pictures/imago

Wie dankt ein Mann wie Friedrich Merz eigentlich Menschen, denen er etwas schuldet? 2004 wählte er als Dank an einen Obdachlosen, der ihm ein Notebook mit sämtlichen Regierungsdaten zurückgebracht hatte, sein eigenes Buch mit dem unfreiwillig komischen Titel "Vom Ende der Wohlstandsillusion". 2026 wählt er als Antwort an eine an Hautkrebs erkrankte Bürgerin, der gegenüber er sich im Tonfall vergriffen hatte,eine Autogrammkarte mit den Worten "Alles Gute".

Zwischen diesen beiden Episoden liegen 22 Jahre, ein Blackrock-Aufsichtsratsposten und der Aufstieg ins höchste Regierungsamt der Republik. Was sich nicht verändert hat: die bemerkenswerte Fähigkeit dieses Mannes, in Momenten menschlicher Bewährungsprobe ausgerechnet die entlarvendste Geste zu wählen.

Das Konterfei des Kanzlers als Trostpflaster

Man möchte fast meinen, der jüngste Vorgang um Silvia Dronsch aus Suhlendorf sei eine besonders bösartige Satire aus der Feder eines Drehbuchautors, der den Bogen bewusst überspannt, um die Empathielosigkeit des deutschen Politikbetriebs zu karikieren. Doch nein, es ist die Realität im Jahr 2026.

Eine todkranke Frau, die auf eine bevorstehende Operation zur Entfernung befallener Lymphknoten wartet, eine Frau, die den Kanzler bei seinem Auftritt in Salzwedel öffentlich auf die geplante Streichung der kostenlosen Hautkrebsvorsorge ansprach - während gleichzeitig ein Gesetzentwurf zur Erhöhung der Spitzengehälter durch die Frühkoordinierung im Kanzleramt lief -, erhält als Trostpflaster ein Stück Pappe mit dem Konterfei des Kanzlers.

Verschickt nicht etwa proaktiv aus eigenem Antrieb, sondern erst, nachdem sich Frau Dronsch tagelang durch die Telefonzentralen des Kanzleramts gekämpft hatte, um überhaupt eine Entschuldigung einzufordern.

Die Chronologie der Kaltschnäuzigkeit

Erinnern wir uns: Frau Dronsch hatte in Salzwedel nicht etwa randaliert oder polemisiert. Sie hatte mit bedrückender Klarheit ihre Lage geschildert, den Kanzler sogar zu ihrer eigenen Beerdigung eingeladen, deren Kosten sie kaum aufbringen könne - und dann eine vollkommen legitime sozialpolitische Frage gestellt. Die Reaktion des höchsten Repräsentanten der Bundesregierung? Kein Wort der Anteilnahme. Kein menschlicher Moment des Innehaltens. Stattdessen die kategorische, gleich mehrfach apodiktisch wiederholte Behauptung, "zu keinem Zeitpunkt" sei eine Erhöhung der Regierungsbezüge geplant gewesen.

Eine Aussage, die - wie die OAZ in der Bundespressekonferenz vom 4. Mai herausarbeiten konnte - durch die schiere Existenz des aus dem Bundesinnenministerium stammenden Gesetzentwurfs und die zu erwartende Koppelung von 65.292 Euro jährlichem Plus für den Kanzler selbst eindrucksvoll widerlegt wird.

Regierungssprecher Stefan Kornelius verhedderte sich auf Nachfrage in den klassischen Volten der Verteidigungsrhetorik: Mal habe die Erhöhung nie im Raum gestanden, mal habe man eben "wieder verzichtet" - ein Widerspruch in sich, der das kategorische Dementi des Kanzlers nicht stützt, sondern entlarvt. Auf die schlichte Frage, ob Merz sein schroffes Verhalten gegenüber einer Sterbenden im Nachhinein für angemessen halte oder eine Entschuldigung erwäge, kam: nichts. Beziehungsweise das übliche "Man mache sich die Bewertung nicht zu eigen". Im Klartext: Es ist dem Kanzler schlicht nicht peinlich genug.

Das Notebook, das Buch, die Autogrammkarte

Wer nun glaubt, dieser Vorgang sei ein bedauerlicher Ausrutscher, ein einmaliger Aussetzer in einem ansonsten empathiegetragenen Politikerleben, der hat die Biografie des Friedrich Merz nicht aufmerksam genug studiert. Schon 2004 lieferte der damalige stellvertretende CDU-Fraktionschef eine Lehrstunde in zwischenmenschlicher Tonlosigkeit ab, die wie eine düstere Vorahnung auf die heutige Causa Dronsch wirkt.

Damals hatte ein obdachloser Straßenzeitungsverkäufer an einem Berliner Taxistand das Notebook von Merz gefunden - mit den Handynummern von Schröder, Merkel, Stoiber, Waigel und sämtlichen Daten der Bundesregierung. Der Mann hätte das Gerät auf dem Schwarzmarkt zu Geld machen können. Er tat es nicht. Er gab es ab. Und was bekam dieser ehrliche Finder, der nichts besaß außer seiner Würde, als Dank vom späteren Multimillionär Merz? Ein Buch. Nicht irgendein Buch, sondern - und hier muss man kurz innehalten, um die Pointe wirken zu lassen - "Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion - Kursbestimmung für unsere Zukunft". Mit der formvollendet floskelhaften Widmung: "Vielen Dank an den ehrlichen Finder."

Der Beschenkte warf das Werk umgehend in die Spree, wie er Jahre später erklärte:

Das fand ich echt total unverschämt. Ich habe das Buch sofort in die Spree geschmissen. Er wusste ja von der angegebenen Adresse genau, dass ich obdachlos war, doch ihm war das nicht mal einen Cent wert. Richtig scheiße."

Die Verwechslung von Souveränität und Härte

Das eigentliche Drama dieser Politikerfigur besteht darin, dass sie Härte mit Stärke verwechselt, kategorisches Dementi mit Souveränität und das Versenden einer Autogrammkarte mit einer Entschuldigung. Es ist die Geisteshaltung eines Mannes, der sich selbst zur Mittelschicht zählt, während er mit Privatjet zur Hochzeit fliegt; der von "Sozialtourismus" schwadroniert, während er ukrainische Geflüchtete pauschal verdächtigt; der einer todkranken Frau die Wahrheit verweigert und ihr dann sein eigenes Konterfei zur Erbauung schickt.

Frau Dronsch hat angekündigt, sich weiter für Krebspatienten einzusetzen. Sie hat inzwischen auch Finanzminister Klingbeil angeschrieben. Es bleibt zu hoffen, dass von dort wenigstens keine Autogrammkarte zurückkommt.

Bleibt die abschließende Frage, die sich nach jeder dieser Episoden aufs Neue stellt: Wer, um Himmels willen, berät diesen Kanzler in seiner Außendarstellung?


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