Aufrüstung in Europa Grüne Fonds finanzieren Tod: Wie EU-Regeln Klima-Milliarden in die Rüstungsindustrie lenken

Raphael Schmeller

24.12.2025 , 15:23 Uhr

Fast 50 Milliarden Euro aus "nachhaltigen" Fonds fließen in Rüstungskonzerne. Möglich macht das ein dehnbares EU-Regelwerk, das Waffeninvestitionen unter dem grünen Etikett erlaubt.

Nach EU-Regeln "nachhaltig": Investitionen in Rüstungskonzerne wie Rheinmetall.
Noah Wedel/imago

Ausgerechnet Waffen sollen nachhaltig sein. Was für den gesunden Menschenverstand ein Widerspruch ist, gilt in der Europäischen Union als offizielle Linie. Nach Recherchen von Mediapart, IrpiMedia und El País stecken inzwischen knapp 50 Milliarden Euro aus europäischen sogenannten "grünen" Fonds in Rüstungsunternehmen. Ermöglicht wird dies durch ein äußerst dehnbares Regelwerk der EU.

Für viele Anleger, die ihr Geld in nachhaltigen Fonds parken, ist das eine unliebsame Überraschung. Denn wer glaubt, mit "grünem" Kapital Klimaschutz oder soziale Projekte zu fördern, finanziert in Wirklichkeit zunehmend Panzer, Kampfflugzeuge und Munition.

EU-Regeln mit viel Spielraum

Grundlage dafür ist die EU-Verordnung zur nachhaltigen Finanzwirtschaft (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR), die seit vier Jahren gilt. Sie teilt Fonds in zwei Kategorien: Artikel-8-Fonds ("hellgrün") und Artikel-9-Fonds ("dunkelgrün"). Letztere sollen fast ausschließlich in nachhaltige Aktivitäten investieren. Doch was als nachhaltig gilt, definieren die Anbieter weitgehend selbst.

Explizit verboten sind nur besonders geächtete Waffen wie Antipersonenminen. Die klassische Rüstungsindustrie hingegen bleibt zulässig. Die Folge: Investitionen "grüner" Fonds in Unternehmen mit militärischen Aktivitäten haben sich innerhalb von drei Jahren mehr als verdoppelt.

Zu den Profiteuren zählen auch deutsche Rüstungsunternehmen wie MTU Aero Engines, Airbus und Rheinmetall, das allein mehr als vier Milliarden Euro aus "grünen Fonds" erhalten hat. Dass ausgerechnet solche Konzerne mit Geld aus Nachhaltigkeitsfonds finanziert werden, stößt bei Fachleuten auf scharfe Kritik. Waffenhersteller könnten nicht als nachhaltig gelten, betont etwa Nicola Koch von der französischen Beobachtungsstelle für nachhaltige Finanzen (Observatoire de la finance durable), da der zentrale Zweck ihrer Produkte darin bestehe, zu verletzen, zu zerstören oder zu töten - mit gravierenden Folgen für Menschen und Umwelt.

Besonders brisant: Ein Teil der finanzierten Unternehmen liefert Waffen in aktuelle Konfliktgebiete. Den Recherchen zufolge investierten zum Beispiel auch Fonds mit Nachhaltigkeitslabel in Firmen, die Israel mit Rüstungsgütern beliefern. Während des Kriegs im Gazastreifen wurden zehntausende Zivilisten getötet; international stehen Vorwürfe von Kriegsverbrechen im Raum. Vor diesem Hintergrund schloss sich Belgien am Dienstag offiziell der von Südafrika angestrengten Klage gegen Israel vor dem Internationalem Gerichtshof in Den Haag wegen des Vorwurfs des Völkermords in Gaza an.

Diese Geschäfte lohnen sich: Allein im vergangenen Jahr erzielten rund 800 "grüne" Fonds Gewinne in Milliardenhöhe aus Aktienverkäufen und Dividenden der Rüstungsindustrie. Zu den größten Investoren zählen internationale Vermögensverwalter, aber auch europäische und deutsche Anbieter.

Erfolg für Rüstungslobbyisten in Brüssel

Möglich wurde diese Entwicklung durch eine politische Kursänderung in Brüssel. Interne Dokumente, ausgewertet von Mediapart, IrpiMedia und El País, zeigen, wie intensiv Rüstungslobbyisten seit 2021 auf die EU-Kommission einwirkten. Ihr Argument: Sicherheit sei Voraussetzung für Frieden und damit für Nachhaltigkeit. Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine fanden diese Thesen in Brüssel Gehör.

Heute wirbt die Kommission offen dafür, dass nachhaltige Finanzierungsregeln mit Investitionen in die Verteidigungsindustrie "voll kompatibel" seien. Kritische Stimmen aus der Finanzwelt oder der Zivilgesellschaft werden entsprechend scharf zurückgewiesen. So wurde bei einem von der EU-Kommission organisierten Forum im November 2024 in Brüssel ein Vertreter der deutschen Genossenschaftsbank Pax-Bank für Kirche und Caritas von einer Veranstaltung ausgeschlossen, nachdem er öffentlich infrage gestellt hatte, wie Waffenhandel mit Nachhaltigkeitskriterien vereinbar sein könne. Zur Begründung teilte die EU-Kommission ihm später mit, er habe die Sitzung "gestört".

So bleibt zum Weihnachtsfest eine ernüchternde Bilanz: Während viele Europäer glauben, ihr Geld arbeite für Klimaschutz und soziale Verantwortung, landet es zunehmend in der Rüstungsindustrie. Das grüne Mäntelchen der Nachhaltigkeit verdeckt dabei ein Geschäft, das mit Zerstörung und Tod verbunden ist.


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